"Ich bin total beeindruckt, wie lange Sie mich hier reden lassen", sagt Gerd Rosenkranz am Donnerstag, gut eine Stunde, nachdem er an das Mikrofon des Brandenburger Braunkohlenausschusses in Cottbus getreten ist. Rosenkranz gehört zur "Denkfabrik" Agora Energiewende. Das ist ein Gremium aus etwa 25 Wissenschaftlern, finanziert über eine Stiftung, die sich mit der Umsetzung der Energiewende in Deutschland beschäftigen.

Anfang des Jahres hatte Agora Energiewende eine Analyse für einen "Kohlekonsens" vorgelegt. Im April wurde das Papier präzisiert. Hinter diesem Konsens steht die Festlegung auf einen kompletten Ausstieg aus der Braunkohleverstromung in Deutschland bis 2040. Die dafür nötige Zahl von Mitgliedern des Braunkohlenausschusses hatten beantragt, dass Rosenkranz diese Pläne vorstellen darf.

Danach wäre ab 2030 von der Lausitzer Braunkohlewirtschaft mit derzeit noch 8000 Beschäftigten nur noch ein kleiner Rest vorhanden. Bis 2024 wären Kraftwerk und Tagebau Jänschwalde komplett geschlossen. Sechs Jahre später, also 2030, wäre auch im Kraftwerk Schwarze Pumpe und in den Tagebauen Welzow-Süd und Reichwalde Schluss. Nur die Grube in Nochten dürfte dann noch ein paar Jahre Kohle für den erst 2012 in Boxberg ans Netz gegangenen jüngsten Block liefern.

Neue Tagebaue, auch Erweiterungsfelder wie in Welzow und Nochten geplant, wird es nach dem Kohlekonsens von Agora Energiewende nicht geben. Reservekapazitäten, um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden, so trug Rosenkranz in Cottbus vor, sollten einige neue Steinkohlekraftwerke liefern, die gerade fertiggestellt wurden oder noch im Bau sind.

Auch einige Gaskraftwerke könnten gebaut werden, falls das nötig wäre. Und zeitweise, so Rosenkranz, würde Strom auch importiert, zum Beispiel in sonnen- und windarmen Jahreszeiten. Deutlich mehr Flexibilität im Stromverbrauch soll zur Versorgungssicherheit beitragen. Denn Agora will mit seinem Konzept auch die Versorgungssicherheit weiter garantieren.

Daran regte sich bei mehreren Mitgliedern im Braunkohlenausschuss heftiger Zweifel. Ebenso an der Frage, wie bezahlbar ein solcher festgezurrter Ausstiegsplan wäre. "Ihr Plan ist der teuerste, den es gibt", hielt Phillip Zirzow dem Agora-Vertreter vor. Und Aussagen zur Versorgungssicherheit würden nach dem Motto "Wir werden da schon was erfinden" gemacht. Das sei zu wenig. Zirzow sitzt für die Bergbaugewerkschaft IG BCE im Braunkohlenausschuss.

An der Versorgungssicherheit machte auch Holger Bartsch, Ausschussvorsitzender und langjähriger Landrat und derzeit noch Kreistagsabgeordneter in Oberspreewald-Lausitz, seine Kritik fest: "Ihre Aussagen dazu sind das Prinzip Hoffnung."

Und mit Geld allein werde der Strukturwandel nicht zu machen sein, so Bartsch. Das hätten die 90er-Jahre gezeigt mit zeitweise bis 25 Prozent Arbeitslosigkeit im Revier, obwohl viel Geld geflossen sei. Der Kohlekonsens von Agora Energiewende sieht vor, dass rund 250 Millionen Euro jährlich als Strukturhilfe jeweils zur Hälfte ins Rheinland und in die Lausitz fließen sollen.

Am heftigsten fiel die Kritik an den Agora-Plänen bei Jörg Rakete aus, der für die SPD im Landkreis Spree-Neiße im Braunkohlenausschuss sitzt. Es gebe in dem Plan keine konkreten Vorschläge, wie die Versorgungssicherheit garantiert und der Strukturwandel bewältigt werden könne. Zu der Idee, die Sicherheit der Stromversorgung stärker im europäischen Verbund zu regeln, fragte er: "Haben Sie bemerkt, was im vergangenen Jahr in Europa passiert ist?"

Als gewählte Vertreter müssten er und andere Ausschussmitglieder in ihren Gemeinden klar Rede und Antwort stehen, wenn es um die Kohle geht, so Rakete. Denkfabriken wie Agora Energiewende machten Politik ohne demokratische Legitimation, hielt er Rosenkranz vor.

Der verteidigte sein Papier und begründete die Notwendigkeit für den Kohleausstieg mit dem Klimawandel. "Das Papier ist nur der Beginn einer Diskussion", fügte er hinzu. Der Fahrplan müsse nicht genau so aussehen, aber in der nächsten Legislaturperiode werde es einen solchen Fahrplan geben, davon ist Rosenkranz überzeugt. Dass der Weg dahin nicht einfach wird, ist auch ihm klar: "Der Kohleausstieg hat das Potenzial zum gesellschaftlichen Großkonflikt."

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