Größer könnte der Kontrast kaum sein: In ihrem Frühjahrsgutachten sahen die führenden Wirtschaftsforscher Deutschland noch mitten im "Aufschwung". Nur sechs Monate später ist nun vom "Abschwung" die Rede. Nachzulesen in ihrer am Donnerstag veröffentlichten Herbstprognose. Nicht nur die internationalen Rahmenbedingungen haben sich nach Einschätzung der Ökonomen unerwartet stark verschlechtert. Auch die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bereitet ihnen Sorgen. Sogar die "schwarze Null" wird inzwischen kritisch gesehen. Nachfolgend die wichtigsten Daten und Hintergründe im Überblick:

Wie ist die Lage?

Sehr ernüchternd. Für das laufende Jahr schraubten die Experten das erwartete Plus beim Bruttoinlandsprodukt deutlich um 0,6 Prozentpunkte gegenüber ihrer Einschätzung vom Frühjahr zurück. Demnach soll die Wirtschaft nur noch um 1,3 Prozent wachsen. Für 2015 wird ein Plus von 1,2 Prozent angegeben. Im April war man noch von zwei Prozent ausgegangen. Noch stärker geirrt haben sich die Experten zuletzt in den Jahren der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Dabei sind ihre Prognose-Daten Grundlage für die Haushaltsaufstellung bei Bund, Ländern und Kommunen.

Woraus resultiert die Eintrübung?
Die weltwirtschaftliche Produktion sei nur "mit einem unerwartet mäßigen Tempo" vorangekommen, heißt es in dem Gutachten. Insbesondere der Euro-Raum befinde sich nach wie vor in einer Schwächephase. Auch in den Schwellenländern sei die Entwicklung schleppender als ursprünglich angenommen. Internationale Krisen wie der russisch-ukrainische Konflikt und die Kämpfe in Syrien und dem Irak hätten die ökonomischen Aussichten zusätzlich getrübt. Dies alles reduziere die deutschen Exporterwartungen, schreiben die Wirtschaftsforscher.

Gibt es auch hausgemachte Fehleinschätzungen?
Ja. Die Ökonomen räumen selbst ein, "die binnenwirtschaftliche Dynamik zu optimistisch" gesehen zu haben. "Möglicherweise verführten auch der anhaltend stabile Arbeitsmarkt und die gute Lage der Staatsfinanzen zu einer positiven Einschätzung der Konjunktur." Dabei sei die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung schon seit 2012 mit einer kurzen Unterbrechung im Sinkflug. "Die deutsche Wirtschaft befindet sich mithin in einem - wenn auch nicht allzu ausgeprägten - Abschwung", resümieren die Experten. Wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik sei es daher, "jetzt die Wachstumskräfte zu stärken".

Was halten die Experten vom Regierungskurs?

Schon in ihrem Frühjahrsgutachten hatten die Ökonomen "Gegenwind" durch die Wirtschaftspolitik der Großen Koalition zulasten der Konjunktur ausgemacht. Nun wird diese Kritik noch verschärft. Maßnahmen wie Mindestlohn, Mütterrente und Rente ab 63 seien "wachstumshemmend", heißt es in der Expertise. Auch nutze die Regierung ihren "finanziellen Spielraum zu wenig für investive Zwecke". All dies wirke sich "negativ auf die private Investitionsneigung aus". Zwar begrüßen die Forscher "im Grundsatz" die Sparpolitik der Regierung. Was deren Ziel einer "schwarzen Null" anbetrifft, also eines Bundeshaushalts im kommenden Jahr ohne neue Schulden, so gingen die Experten dazu allerdings gestern hörbar auf Distanz. Das sei ein "Prestigeprojekt", das "aus ökonomischer Sicht nicht angebracht" sei, meinte Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), welches die Expertise gemeinsam mit drei weiteren Forschungseinrichtungen erstellt hat.

Was empfehlen die Forscher der Politik?

Zur Ankurbelung der Konjunktur können nach Auffassung der Experten auch noch begrenzt neue Schulden aufgenommen werden, ohne die Regeln der Schuldenbremse zu verletzen. Außerdem gäbe es gemessen an allen öffentlichen Haushalten Überschüsse von sieben Milliarden Euro in diesem sowie drei Milliarden Euro im nächsten Jahr, die man ebenfalls zur Verfügung hätte. Der Spielraum soll allerdings nicht für teure Konjunkturprogramme genutzt werden, sondern für die "Senkung der Abgabenbelastung". Sprich, den Abbau der "kalten Progression" oder eine Glättung des Steuertarifs.

Zum Thema:
Rückschlag für Deutschlands Exporteure nach dem Rekordmonat Juli: Im August brachen die Ausfuhren zum Vormonat um 5,8 Prozent ein, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Das ist der stärkste Rückgang seit gut fünfeinhalb Jahren: Im Januar 2009 war der Außenhandel wegen der weltweiten Wirtschaftskrise weggebrochen mit 7,1 Prozent Exportminus. Im Juli hatten heimische Unternehmen Waren im Gesamtwert von 101,1 Milliarden Euro ins Ausland geliefert - das war der höchste bislang gemeldete Monatswert. Die Exporte zogen im Vergleich zum Juli 2013 um 8,6 Prozent an, im Vergleich zum Vormonat waren es 4,8 Prozent Plus. Für den August 2014 errechneten die Statistiker nach vorläufigen Zahlen nun einen Gesamtwert der deutschen Ausfuhren von 84,1 Milliarden Euro. Das waren 1,0 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Den Titel des Exportweltmeisters hat Deutschland zwar an China abgeben müssen, dennoch machten die Ausfuhren im vergangenen Jahr 40 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts aus. Ungefähr die Hälfte der gesamten Exporte geht in andere EU-Länder, wichtigster Handelspartner ist dabei Frankreich.