Nach den wider Erwarten ruhig verlaufenen Wahlen befürchte man "ein rasches Anschwellen der am Montag begonnenen Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Parteien", berichteten Vertreter deutscher und amerikanischer Geheimdienste gestern in Berlin. Die Unruhen waren am Sonntag nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses in der Hauptstadt Kinshasa ausgebrochen. Am 29. Oktober wird es zwischen Präsident Joseph Kabila und seinem Herausforderer Jean-Pierre Bemba eine Stichwahl geben.
Wie gefährlich die Entwicklung ist, zeigte sich am Montagabend, als die Präsidentengarde von Kabila die Residenz seines Herausforderers Bemba beschoss. Bemba hatte gerade 14 ausländische Diplomaten zu Gast. Diese mussten in den Keller flüchten und wurden von Soldaten der EU-Truppe Eufor und der UN-Mission Monuc in Sicherheit gebracht. Betroffen war auch der deutsche Botschafter Reinhard Buchholz. Er wurde mit einem Panzerwagen in Sicherheit gebracht. Kabila ließ gestern den Flugplatz von Kinshasa besetzen.
Es sei ein "beispielloser Vorgang, dass ein Staatschef seine Soldaten auf ein Haus scharf schießen lässt, in dem sich Botschafter ausländischer Staaten befinden", kommentierten Geheimdienstler den Zwischenfall. Dies habe deutlich gemacht, "wie rücksichtslos die Rivalen im Kongo bis zur Stichwahl aufeinander einschlagen werden", erklärte ein Experte.
In Geheimdienstkreisen wird darauf hingewiesen, dass sowohl Kabila als auch Bemba schwere Waffen besitzen. Als eklatantes Beispiel wird das Vorgehen von Kabila bezeichnet. Er hat sich demnach "auf geheimnisvollen Wegen" mehr als 40 Panzer der Typen T-72 und T-55 beschafft. Sollte die Stichwahl für Kabila schlecht ausgehen, wird er nach Einschätzung der Geheimdienste versuchen, mit einem Staatsstreich an der Macht zu bleiben.
Die Einsatzpläne der europäischen Truppen sehen vor, dass sie bei Unruhen Diplomaten und andere zivile Ausländer aus prekären Lagen retten sollen. Die Eufor-Soldaten können nach Darstellung von Offizieren aber schnell zwischen die Fronten der sich bekämpfenden kongolesischen Parteien geraten. "Dann müssen wir selber von unseren in Gabun stationierten Kameraden evakuiert werden", erläuterte ein Bundeswehroffizier.
Die Geheimdienste befürchten, dass der Kongo durch die "erbarmungslosen Machtkämpfe" in zwei Teile zerfallen könnte. Bemba ist im Westen und besonders in Kinshasa populär, Kabila in den Ostprovinzen. Für Bemba, der bisher Vizepräsident war, geht es bei der Stichwahl "um alles oder nichts". Im Falle einer Niederlage würde er seine Immunität verlieren und seine gesamte Karriere wäre am Ende: Bemba ist vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verletzung der Menschenrechte angeklagt.