Nach einem zweiten Treffen mit Vizepräsident Álvaro García Linera erklärte der Oppositionspolitiker Mario Cossío, gestern, die Gespräche seien „auf einem guten Weg“. Präsident Evo Morales sagte seine Teilnahme an einem Krisengipfel der südamerikanischen Staatschefs zu, der gestern in der chilenischen Hauptstadt Santiago stattfand.
Man habe sich auf 80 Prozent eines Grundsatzabkommens für einen „tiefgreifenden Dialog“ geeinigt, sagte Cossío der staatlichen Agentur Abi zufolge. „Wir machen weiter, sobald der Präsident zurück ist“, kündigte der Gouverneur der Erdgasprovinz Tarija an. Zuvor werde er sich erneut mit seinen konservativen Kollegen in den Tieflandprovinzen beraten, sagte Cossío.
In den vergangenen Wochen war es in den bolivianischen Tieflandprovinzen zu Ausschreitungen konservativer Gegner der linksgerichteten Regierung gekommen. Die Gouverneure der relativ wohlhabenden, aber dünn besiedelten Provinzen streben nach Autonomie.

Am Sonntag hoben die Anführer der gewalttätigen Ausschreitungen in der östlichen Provinz Santa Cruz ihre Straßenblockaden auf. Sprecher Branko Marinkovic bezeichnete die Maßnahme als ein „Zeichen des guten Willens“ im Hinblick auf die Gespräche mit der Regierung.
Vor der Gesprächsrunde stellte Vizepräsident García Linera klar, dass der Gouverneur der Amazonasprovinz Pando, Leopoldo Fernández, sich für ein Massaker an Kleinbauern vom vergangenen Donnerstag verantworten müsse. Medienberichten zufolge starben dabei mindestens 30 Menschen. Am Freitag hatte Morales den Ausnahmezustand über Pando verhängt. Außerdem forderte der Vizepräsident, die Oppositionellen müssten die Regierungseinrichtungen und Erdgasanlagen räumen, die sie in mehreren Tieflandprovinzen besetzt halten.
Evo Morales, seit 2006 im Amt, ist der erste indianische Staatschef in der Geschichte Boliviens. Sein Versuch, den Reichtum des Landes zugunsten der indianischen Bevölkerungsmehrheit umzuverteilen, stößt bei der weißen Oberschicht im Tiefland auf erbitterten Widerstand. Bei Volksabstimmungen am 10. August waren Morales, aber auch vier oppositionelle Gouverneure mit großer Mehrheit in ihren Ämtern bestätigt worden.
In gewisser Weise ist der Konflikt ein Kampf Arm gegen Reich, westliches Hoch- gegen östliches Tiefland, Ureinwohner gegen Nachfahren der europäischen Einwanderer. Letztere sitzen auf den Reichtümern des Landes und wollen partout nicht, dass die Regierung in La Paz die Einnahmen aus dem Verkauf der Rohstoffe aus ihren Provinzen dazu nutzt, die Ungleichheit des Landes abzubauen.
Im Gegenteil: Sie wollen selbst über die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Während die Indio-Mehrheit im Altiplano lebt, wo das Bruttoinlandsprodukt noch niedriger ist als in Haiti, ist es in den abtrünnigen Provinzen rund dreimal höher. In Santa Cruz und Tarija lagern 85 Prozent der Rohstoffe des Landes, vor allem Öl und Gas, und im Departement Beni befinden sich die großen landwirtschaftlichen Flächen und Viehzuchtgebiete.
So trägt der bolivianische Konflikt postkoloniale Züge. Man merkt es an dem kruden Rassismus, mit dem Politiker und Wortführer im Tiefland sich einfach nicht vorstellen wollen, dass sie auf einen von denjenigen hören, die für sie eigentlich nur als Dienstboten und Landarbeiter vorstellbar sind.
Während Morales als erster Präsident indianischer Herkunft die Ureinwohner-Kulturen und -Sprachen fördern will, setzen die Provinzen nicht nur auf Spanisch als Amtssprache. Santa Cruz belebte sogar das Wappen wieder, das der spanische König Philipp IV. der Stadt 1636 verliehen hatte.