Wundersamer Weise erwuchs aus der Zwangsehe in den vergangenen Jahrzehnten Zuneigung. Inzwischen gilt die Dom-Gemeinde als ökumenisches Vorzeigeobjekt. Auf dem heute in Berlin beginnenden Ökumenischen Kirchentag werden die Erfahrungen im konfessionellen Zusammenleben präsentiert.
Bislang bestimmen Anekdoten über Kirchenstreit die Geschichte des Doms, der im 13. Jahrhundert als Klosterkirche gebaut wurde. Als Wetzlar in der Reformation evangelisch wurde und die Mitnutzung des Doms durchsetzte, kam es sogar zu Schlägereien. Später versuchte ein Priester, eine Reliquie im vornehmlich von Protestanten genutzten Kirchenschiff zu verstecken. Die Protestanten ihrerseits zerlegten ein katholisches Sakrament-Häuschen.
Die Wende kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Bombe traf ausgerechnet die Trennwand zwischen Kirchenschiff und Chor. Ein Industrieller aus Wetzlar fand sich bereit, die Renovierung zu bezahlen, unter der Voraussetzung, dass die Wand verschwindet. So entstand ein gemeinsamer Kirchenraum.

Draht zueinander finden
Seit etwa zehn Jahren wird er auch tatsächlich gemeinsam genutzt. Der Fortschritt in der Ökumene ging dabei, wie so oft, von Einzelpersonen aus. Der katholische Pfarrer Manfred Link und sein evangelischer Kollege Michael Stollwerk stärkten die Verbindungen in allen Gemeindebereichen, vom Chor bis zur Erwachsenenbildung, von der Jugendarbeit bis zum Altenkreis. Höhepunkt der Ökumene ist für Stollwerk der Gottesdienst an Pfingstmontag. „Für diesen Tag haben wir eine Segnungs-Liturgie entwickelt, die den sakralen Graben überwindet.“ Dabei können die Besucher nach vorne kommen und die Pfarrer legen ihre Hand auf. "Das bewegendste Erlebnis für mich war, als katholische Ordensfrauen, die aus Wetzlar abgerufen wurden, sich von mir segnen lassen wollten", erzählt der evangelische Pfarrer.
Die ökumenischen Gottesdienste sind gut besucht, das Bedürfnis nach gemeinsamen Ritualen unübersehbar. Immer wieder wird in Wetzlar die Forderung nach einem gemeinsamen Abendmahl gestellt und diskutiert.
Vertrauen schaffen heißt das Zauberwort. In der älteren Generation, so ihre Erfahrung, gibt es noch Vorbehalte. Die Protestanten, seit jeher in der Mehrheit, fürchten die "heimliche Katholizierung". Die katholische Minderheit wiederum hat Angst, über den Tisch gezogen zu werden. Doch die jüngere Generation kennt diese Grenzen nicht mehr. "Es kommt vor, dass ich bei seelsorgerischen Problemen von katholischen Gemeindegliedern angesprochen werde", sagt Stollwerk. Diese ökumenische Öffnung bleibt allerdings weitgehend auf die Dom-Gemeinde beschränkt. "Wir haben keine große Außenwirkung erzielt", bedauert Link.
Wie viele Gemeinden in Deutschland sich eine "Simultan-Kirche" teilen, weiß niemand zu sagen. Klar ist nur, dass es immer weniger werden, erläutert Matthias Ludwig vom Institut für Kirchenbau in Marburg. Bautzen, Altenberg im bergischen Land und Neustadt an der Weinstraße gehören zu den bekannten Gemeinden. Vor allem in der Pfalz gab es - von Napoleon verordnet - mehr als 100 "Simultan-Kirchen". Davon sind heute nur noch eine Hand voll übrig, denn die Gemeinden haben sich getrennt, sobald sie Geld für eine eigene Kirche hatten.

Sakrale Räume getrennt
Selbst jene rund 20 Gemeindezentren, die in der ökumenischen Aufbruchstimmung vor rund 30 Jahren gemeinsam gebaut wurden, leiden unter Zersetzungserscheinungen. Einige sind inzwischen aufgelöst, in anderen leben die Konfessionen nebeneinander her, weiß Ludwig: "Nicht überall, wo Ökumene drauf steht, ist auch Ökumene drin." Heute bestimmt Pragmatismus die Zusammenarbeit. So bauen die Kirchen etwa in München-Riem ein gemeinsames Zentrum für 20 Millionen Euro. Allerdings sind darin die sakralen Räume säuberlich getrennt.
Für die Verfechter der Ökumene bleibt nur die Hoffnung, dass auch daraus Zuneigung erwachsen kann.