Auf der Suche nach einem Firmensitz mit Steuervorteil müssen Unternehmen nicht ins Ausland abwandern: Ein Umzug innerhalb Deutschlands kann ausreichen, um Hunderttausende Euro zu sparen. Zum Beispiel von Oberhausen im Ruhrgebiet nach Eschborn in Hessen oder Unterhaching in Bayern, wo die Gewerbesteuer-Sätze besonders niedrig sind. Die Schere zwischen reichen und armen Städten geht nach einer aktuellen Studie des Prüfungs- und Beratungskonzerns EY immer weiter auseinander.

Diese Tendenz bestätigt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus auch für Südbrandenburg. "Finanzstarke Kommunen können ihre Hebesätze niedrig halten", verweist IHK-Pressesprecher Nils Ohl auf die berlinnahe Region von Dahme-Spreewald um Schönefeld. Das könnten sich hoch verschuldete Städte und Gemeinden nicht leisten. So liegt der Gewerbesteuer-Hebesatz in Schönefeld bei 240 Prozent. In Spremberg dagegen werden 350, in Senftenberg 370 und in Cottbus 400 Prozent fällig.

Dresden nutzt Boom-Effekt

Sachsens Landeshauptstadt Dresden nutzt unterdessen den wirtschaftlichen Boom zu einem der höchsten Gewerbesteuer-Hebesätze im Freistaat: 450 Prozent. Görlitz (450) sieht sich dazu eher aufgrund der Haushaltslage gezwungen. Hoyerswerda mit 415 Prozent sowie Bautzen (400) und Weißwasser (395) sind da moderater und versuchen den Spagat zwischen hohen Steuererlösen und Anreiz für Investoren.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnt vor einer wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit. "Die Spreizung zwischen den Kommunen nimmt von Jahr zu Jahr zu", sagt DIHK-Referatsleiterin Kathrin Andrae. Denn dank der Digitalisierung sind viele Firmen bei der Wahl ihres Standortes flexibler und eher bereit, ihren bisherigen Sitz aufzugeben, um Kosten zu sparen.

"Der Wettbewerb um günstige Standorte wird intensiver - und der Gewerbesteuer-Hebesatz ist dabei ein wichtiges Kriterium. Für Städte und Gemeinden gehört die Gewerbesteuer zu den wichtigsten Einnahmequellen (siehe Infobox). Fällig wird sie auf den Gewinn der Betriebe, die im Ort angesiedelt sind. Wie viel Steuern sie letztlich zahlen müssen, entscheidet der sogenannte Hebesatz, mit dem der Steuermessbetrag multipliziert wird. Diesen Hebesatz können die Kommunen jedes Jahr selbst festlegen und damit letztlich selbst über die Höhe der Steuern entscheiden. "Vor allem in Regionen mit einer großen Zahl finanzschwacher Kommunen wurden in den vergangenen Jahren massiv die Steuern erhöht", sagt Bernhard Lorentz, Partner bei EY.

Reiche Gemeinden wie Grünwald bei München leisten sich hingegen einen extrem niedrigen Satz und ziehen Firmen damit in Scharen an: In dem noblen Vorort sind nach Angaben des Kämmerers Raimund Bader zurzeit knapp 7000 Firmen gemeldet - bei rund 11 000 Einwohnern. "Niedrige Gewerbesteuern haben bei uns Tradition", sagt er. Mit einem Hebesatz von 240 Prozent gehört die Gemeinde bundesweit zu den günstigsten Standorten für Betriebe. Dank der Vielzahl der dort gemeldeten Firmen ist die Kasse aber trotzdem gut gefüllt: Im vergangenen Jahr konnte sich Bader über Gewerbesteuer-Einnahmen von 172 Millionen Euro freuen, das waren 30 Millionen mehr als ein Jahr zuvor.

Im Schnitt liegt der Hebesatz in Deutschland laut DIHK bei den Gemeinden mit mehr als 20 000 Einwohnern bei 431 Prozent, mit steigender Tendenz. Die Unterschiede zwischen den Städten sind aber gewaltig: Am höchsten war er nach den DIHK-Zahlen im Vorjahr unter den größeren Städten in Oberhausen im Ruhrgebiet mit 550 Prozent, am niedrigsten in Eschborn in Hessen 280 Prozent. Noch deutlicher fallen die Unterschiede bei den Hebesätzen aus, wenn auch kleinere Gemeinden berücksichtigt werden: EY ermittelte als günstigsten Standort bundesweit Gau-Algesheim mit einem Satz von 65 und als teuersten Dierfeld (beide Rheinland-Pfalz) mit stolzen 900.

Wie stark sich die Unterschiede für Firmen auswirken, zeigt eine Beispielrechnung des DIHK: "Wenn wir ein kleineres Unternehmen mit einem Jahresgewinn von 500 000 Euro nehmen, dann ergäbe sich in Eschborn eine Belastung von 49 000 Euro und in Oberhausen eine von 96 250 Euro."

Gesamtheit der Faktoren zählt

Aus Sicht des Brandenburger Städte- und Gemeindebundes liegt die "Wahrheit" wie so oft irgendwo mittendrin. "Es ist richtig, dass bei anstehender Haushaltskonsolidierung immer auf höhere Steuer-Hebesätze orientiert wird," betont dessen Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher gegenüber der RUNDSCHAU. "Es gibt", so Böttcher, "aber auch keinen Automatismus, dass niedrige Hebesätze zu deutlich mehr Wirtschafts-Ansiedlung im Osten führen würden." Es sei die Gesamtheit der Faktoren eines Standortes, die passen muss, damit eine Kommune den Zuschlag erhält.

Zum Thema:
Die gut 11 100 Kommunen in Deutschland haben laut den aktuellsten Daten für 2014 knapp 80 Milliarden Euro eingenommen. Das verteilte sich laut einer Analyse des Prüfungs- und Beratungskonzerns EY wie folgt: 42 Prozent entfielen auf die Gewerbesteuer, 38 Prozent auf den Anteil der Lohn- und Einkommenssteuer. Mit Abstand folgte die Grundsteuer B (bebauter oder unbebauter Grundbesitz) - 14 Prozent. Der Umsatzsteueranteil machte fünf Prozent aus, die Vergnügungssteuer (etwa für Spieleautomaten) kam auf ein Prozent. Die Grundsteuer A (Land- und Forstwirtschaft) lag bei 0,5 Prozent Anteil. Fast vernachlässigbar waren Hundesteuer (0,4), Zweitwohnungssteuer (0,1) und sonstige Gemeindesteuern.