Da sitzt ein Mann vorm Bahnhof und hat ganz Großes vor. Eine Revolution? "Nein", winkt Bernward Rothe ab, "gemessen an dem, was diese Region schon an Revolutionen erlebt hat, ist das hier eine eher bescheidene Reform." Aber die soll von unten her passieren. Rothe will die Fusion von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in einem neuen Bundesland Mitteldeutschland. Drei in einem Boot, das hat viele Vorteile, meint er.

Der 56-jährige SPD-Abgeordnete am Landtag Sachsen-Anhalt hat ein Volksbegehren zur Länderfusion auf den Weg gebracht. Im Ballungsraum Dresden hat er 10 000 Unterschriften für das Projekt gesammelt.

Viel Geld zu sparen

Die hat er Anfang Juli im Bundesinnenministerium in Berlin eingereicht. Dort wird nun geprüft, ob man so ein Bürgerbegehren überhaupt durchziehen kann. Denn gegeben hat es das in der Form noch nicht. Rothe ist zuversichtlich: "Ich gehe davon aus, dass das anerkannt wird."

Aber warum das Ganze? Warum kann er sich nicht abfinden mit der vor 25 Jahren geschaffenen föderalen Realität? Der Mann ist gelernter Verwaltungsjurist und hat als solcher einen Stapel Vernunftargumente im Koffer: Nur noch eine Regierung, ein Landtag, eine Landesforstverwaltung, ein Verfassungsschutz statt dreier - was könnte man nicht alles mit dem vielen gesparten Geld machen? Aber da ist noch was anderes.

Rothe ist durch und durch Föderalist. Das muss von früher her kommen. Er ist ein Kind der alten Bundesrepublik, geboren in dessen provinzieller Hauptstadt Bonn. Der Vater war leitender Angestellter bei BASF, so zog die Familie öfter um.

Der Sohn ging zur Schule in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. "Das Interesse an den Unterschieden zwischen den Ländern" sei schon früh in ihm wach geworden. An einem Gymnasium in Baden sagte der Erdkundelehrer: "Leute, schaut nicht auf den Osten herab. Die Region Thüringen und Sachsen war vor dem Krieg die stärkste Wirtschaftsregion Deutschlands."

In ebendiese Region verschlug es ihn mit Mitte 30. Die DDR-Verwaltungsstruktur war gerade zerschlagen, an ihre Stelle traten drei Bundesländer.

Versöhnt mit Deutschland

Ein schwerwiegender Fehler, fand Rothe. Man hätte es doch gleich richtig machen können. Er war nicht Mitteldeutscher geworden, sondern Sachsen-Anhalter. Bewohner eines Bundeslands mit schwacher Wirtschaft und schwacher Identität. Das Bundesland brauchte junge Paragrafenreiter aus dem Westen, wie ihn. Halle in den 90ern, sagt er, "hat mich versöhnt damit, ein Deutscher zu sein".

Aber ob das Land Sachsen-Anhalt dauerhaft seine Aufgaben stemmen könnte, das war die große Frage. Nach 25 Jahren sagt Rothe noch immer: Nein! Womit er aber ziemlich allein steht. In den betroffenen Staatskanzleien hält sich die Lust auf das Thema Mitteldeutschland in Grenzen. Man sehe "keine Notwendigkeit" für eine Länderfusion, heißt es aus Dresden. Zumal dabei die Regionalität auf der Strecke bliebe. Geld sparende Kooperationen "gibt es zwischen den Ländern bereits".

Ähnlich die Meinung in Magdeburg. "In einem Ballungsraum wie Leipzig-Halle mit mehr als einer Million Einwohnern können schon mal 10 000 Unterschriften zusammenkommen", sagt Regierungssprecher Matthias Schuppe. Trotzdem habe Mitteldeutschland in keinem der drei Länder eine Mehrheit.