Eberhard Beil hat Tür und Tor des Grundstücks in der Neuen Siedlung 11 in Kolkwitz an diesem Montag besonders gut verschlossen. Für zehn Uhr hat das Ordnungsamt des Spree-Neiße-Kreises eine Ordnungsverfügung erlassen. Notfalls will sie Bezirksschornsteinfegermeister Jürgen Kilian und dessen Gesellen mit Polizeigewalt Zugang zum Schornstein des Wohnhauses verschaffen.
Zehn Minuten vor zehn Uhr fährt ein Streifenwagen vor, wenig später der Kleintransporter des Schornsteinfegers. Punkt zehn klingelt’s und es beginnt eine neue Runde im Schornsteinstreit von Kolkwitz. Der hält nunmehr schon sechs Jahre an. Eberhard Beil nennt Schornsteinfeger- und Behördenwillkür als Grund. Jürgen Kilian sieht sich durch die Sturheit und Uneinsichtigkeit des Mannes in der Erfüllung seines gesetzlichen Auftrags zum Kehren des Schornsteins und damit zur Senkung der Umweltbelastung und eines Brandrisikos behindert.

Kocht die Oma oder kocht sie nicht
1996 hat Eberhard Beil die alten Öfen rausreißen und eine moderne Ölheizung für allen Wohn- und Nebengebäude des Grundstücks seiner Schwiegereltern Erna (81) und Kurt (91) Brischa einbauen lassen. Lediglich in der Küche und im Wohnzimmer der alten Herrschaften stehen noch Herd und Beistellofen, die mit Holz befeuert werden können. Beil meint, nach der Modernisierung dürfe der Schornsteinfeger nur noch einmal im Jahr die Esse kehren und beruft sich dabei auf die brandenburgische Kehr- und Überprüfungsordnung für Rauchschornsteine, an die Zusatzfeuerstätten in Gebäuden mit Zentralheizung angeschlossen sind. Falsch, sagt Bezirksschornsteinfegermeister Kilian. Auf dem Kohlebeistellherd werde täglich gekocht. Deshalb müsse vier Mal im Jahr gekehrt werden, lässt er die Reporter wissen, die diesmal – nicht ganz zufällig – bei der polize ilich beschützten Schornstein-Fegerei anwesend sind.
Zum wiederholten Mal hat Eberhard Beil erst nach polizeilich durchgesetztem Zwang die seiner Meinung nach untadeligen Schlünte säubern lassen, zuletzt am 24. Oktober, beim Kehrvorgang Nummer drei dieses Jahres. Was der schwarze Mann jeweils von den Innenwänden des Schornsteines kratzte, füllte kaum den Boden eines handelsüblichen 500-Milliliter-Messbechers.
Nach heftigen Wortgefechten mit Bezirksschornsteinfegermeister Jürgen Kilian lässt Schornsteinfeger-Gegner Eberhard Beil den Gesellen des Kehrmanns doch noch an das Objekt der Begierde auf dem Dach des Hauses. Während der Mann, dessen Zunft nach überliefertem Glauben eigentlich Glück bringt, seinen Besen ein- ums andere Mal gründlich die Esse runter und rauf fegen lässt, begründet Kilian nochmals seinen Standpunkt. Die Oma koche jeden Tag. Im Laufe des Jahres würde sich viel Ruß absetzen, die Brandgefahr wachse und auch die Nachbargrundstücke seien gefährden, wenn er nicht regelmäßig kehre. Weil man das tue, kämen bei jeder Reinigung nur geringe Mengen zusammen. Sein viermaliges Erscheinen an diesem Schornstein beruhe weder auf Spaß oder Gier nach Gebühren sondern auf einem Gutachten eines Schornsteinfegermeisters aus Teltow. Dessen Unabhängigkeit bezweifelt wiederum Eberhard Beil, was ihn nach eigenen Angaben sogar zu einer Anzeige gegen den Teltower Kehrmann bei der Staatsanwaltschaft Cottbus wegen dessen betrügerischer Bewertung des Beilschen Schornsteins veranlasste.

Kein glühendes Öfchen
Nach wenigen Minuten hat der Mann am Schornstein seine Arbeit getan. Was er zusammengefegt hat, ist nicht mal die Menge, die auf eine Kinderschippe passt. „Sicher ist früher mehr geheizt worden“ , räumt Jürgen Kilian nach einem fachmännischen Blick ein. Jedenfalls scheinen die paar Gramm Ruß die Aussage von Erna Brischa zu stützen, die dem Bezirksschornsteinfegermeister versichert: „Ich koche doch schon lange nicht mehr.“ Man kann ihr glauben, denn neben dem umstrittenen kleinen Kochofen in ihrer Küche steht ein Elektroherd mit vier verschiedenen Heizplatten. Auch das Rohr des Öfchens im Wohnzimmer macht nicht den Eindruck, dass es täglich vor Hitze glüht.
Überzeugt, dass nach der Auskunft von Erna Brischa und der geringen Rußpartikel in der Esse die öffentliche Brandgefahr nunmehr geringer zu bewerten sei, will Jürgen Kilian im nächsten Jahr die Kehrhäufigkeit von vier auf zwei reduzieren. Leider hätten die Brischas bisher weder schriftlich noch mündlich die reduzierung der Schornsteinreinigungen beantragt. Doch nur deren Verlangen seien für ihn für Zustimmung oder Ablehnung von Bedeutung, da laut Grundbuch die Brischas Haus- und Grundstücksbesitzer seien und nicht Herr Beil.
Zieht nun im Schornstein-Streit von Kolkwitz Friede ein“ Kaum zu glauben. Denn Eberhard Beil kündigt an Ort und Stelle an: „Zweimal akzeptiere ich nicht, wenn das Gesetz nur einmal vorschreibt.“ Seit wenigen Tagen hat er als Geschäftspartner des Schornsteinfegers auch eine andere rechtliche Position. Mit notarieller Auflassung vom 1. August 2002 ist seit dem 18. Dezember Beils Ehefrau Hannelore, geborene Brischa, Besitzerin des Anwesens. Vorwürfe, er sei nur ein Stänkerer, tut dem Mann, der zu DDR-Zeiten Abteilungsleiter im Verkehrskombinat Cottbus war und der heute in der Versicherungsbranche tätig ist, mit den Worten ab: „Ich bin ein rechtsbewusster, ehrlicher Bürger. Wenn das Stänkerei ist, bin ich halt ein Stänkerer.“ Dafür nimmt er Bußgelder in Kauf und Verhandlungen in Gerichten, die ihn auch schon als Verlierer gesehen haben.

Hoffen auf Verbündete
Bei seinem Kampf gegen Schornsteinfeger und Behörden hofft Eberhard Beil auf Verbündete, die das Monopol der Schornsteinfeger in Deutschland aufbrechen und Gesetze verlangen, die heutigen modernen Heizungsanlagen entsprechen. Inzwischen soll es mehr als 2000 solcher Anti-Schornsteinfeger-Bürger in der Bundesrepublik geben. Zu ihnen gehört auch Jürgen Starick, ebenfalls aus Kolkwitz. Er nutzt die polizeiliche Zwangskehrung bei Beils, um zu monieren, was er als Unrecht ansieht. Seit der Modernisierung seines Hauses benutze er den ausgedienten Schornstein als Entlüftung für zwei Bäder. Gebühren müsse er jedoch jährlich dafür bezahlen wie für eine Schornsteinreinigung, beschwert er sich. Jürgen Kilian verteidigt derart erhobenen Obolus. Auch Entlüftungsschächte unterlägen der Überprüfung. Wolle Starick die verhindern, müsse er seinen Sc hacht eben still legen, empfiehlt der Bezirksschornsteinfegermeister. Eigentlich, so sagt er, gebe es nur ganz wenige hartnäckige Fälle wie die der Beils und Staricks in seinem 2500 Grundstücke umfassenden Kehrbezirk. Die anderen würden die Tätigkeit seiner Zunft positiv sehen.
Die Überzeugung, mit seiner Arbeit Recht und Gesetz durchzusetzen, die Umwelt zu schonen und sogar Menschenleben vor unsachgemäß installierten und betriebenen Ofen-, Gas- und Heizungsanlagen zu retten, trägt Jürgen Kilian stolz als Sticker auf seinem Berufsoveral. Darauf steht: „Zum Glück gibt’s den Schornsteinfeger“

Hintergrund Die schwarze Zunft
 In Deutschland gibt es über 8000 so genannte Kehrbezirke. Sie werden durch die Aufsichtsbehörden der Bundesländer festgelegt. Die Gebiete werden jeweils vom Bezirksschornsteinfeger-Meister geleitet.
Die staatliche Aufteilung der Kehrbezirke verletzt nicht die europäischen Wettbewerbsregeln. Das entschied kürzlich die zuständige EU-Kommission.
Gebühren sind staatlich festgelegt. Sie kann kein Schornsteinfegermeister nach eigenen Gutdünken erheben.
Etwa 18 000 Frauen und Männer vertreten in der Bundesrepublik die schwarze Zunft. Derzeit gibt es etwa 1300 Lehrlinge. Rund zehn Prozent davon sind Mädchen und Frauen.
Seit vor gut drei Jahrzehnten die Kohle als Brennstoff durch Öl und Gas abgelöst wurde, hat sich das Kaminkehren deutlich reduziert. Es macht aber immer noch ein Drittel der Schornsteinfeger-Arbeit aus.