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Kohlekraftwerke beweisen Flexibilität

Konkurrenten oder Partner? Wenn Sturmtiefs die Windstromerzeugung in die Höhe treiben, müssen Kohlekraftwerke immer stärker gedrosselt werden.
Konkurrenten oder Partner? Wenn Sturmtiefs die Windstromerzeugung in die Höhe treiben, müssen Kohlekraftwerke immer stärker gedrosselt werden. FOTO: dpa
Cottbus. Mitte Dezember liefen die Lausitzer Kraftwerke auf vollen Touren. Über Weihnachten wurde ihre Leistung auf 40 Prozent reduziert. Danach ging es wieder hoch und runter. Ursache ist die Windstromerzeugung unter Sturmtiefs. Simone Wendler / Quelle: Agora Energiewende

In der Leitwarte des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz am östlichen Berliner Stadtrand herrscht am Dienstagnachmittag schon hohe Anspannung. Jetzt seien etwa 12 000 Megawatt (MW) Windstrom im ostdeutschen Verteilnetz, sagt Leitwartenchef Lutz Schulze. Doch das sei noch nicht das Ende: "Morgen gibt es richtig Sturm." Die Lausitzer Braunkohlekraftwerke der Leag seien deshalb schon auf ein Minimum heruntergefahren. "Die Kooperation klappt gut", so Schulze.

Das aktuelle Sturmtief, das die Windparks im Norden der Republik auf Hochleistung treibt, könnte nach Einschätzung des Leitwartenchefs sogar die Situation an den Weihnachtsfeiertagen übertreffen. Schon da mussten die Lausitzer Kraftwerke zeigen, wie flexibel sie inzwischen in dem durch die Energiewende immer stärker schwankenden Erzeugungspool mitschwimmen können.

Die Leag-Kraftwerke Jänsch-walde, Schwarze Pumpe und Boxberg bringen zusammen 7100 MW Leistung. Ab dem 23. Dezember wurde diese schrittweise bis auf 2800 MW gedrosselt. In Boxberg wurde dazu ein 980-MW-Block komplett vom Netz genommen, in Jänschwalde und Boxberg Kessel abgeschaltet.

500 MW in Jänschwalde wurden auf Anforderung von 50Hertz zur Netzregulierung bereitgehalten. Trotz maximaler Drosselung mussten die Anlagen auch weiterhin noch Wärme und Heißwasser für Cottbus, Spremberg, Boxberg und Weißwasser sowie Dampf für das Industriegebiet Schwarze Pumpe liefern.

Alles das funktionierte. Und nach den Weihnachtstagen wurden alle Lausitzer Kraftwerksblöcke wieder schnell hochgefahren. Denn ab 29. Dezember war das weihnachtliche Sturmtief vorbei. Jetzt wiederholt sich der Prozess. Einziger Vorteil dabei, der Stromverbrauch ist deutschlandweit höher als an den Feiertagen.

Wie sehr gerade in diesen Wochen die Lausitzer Kohlekraftwerke auf extrem schwankende Windeinspeisungen reagieren müssen, zeigt ein Blick in die Daten, die der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz veröffentlicht. Das ostdeutsche Übertragungsnetz, das 50Hertz betreibt, ist dabei besonders betroffen, da die Region als Stromüberschussgebiet gilt: Hier wird trotz der Großstadt Berlin in der Mitte mehr Elektroenergie erzeugt als verbraucht wird.

Die ostdeutschen Windparks tragen dazu in sehr schwankendem Maße bei. Wenige Tage vor Weihnachten flossen nur wenige Hundert MW Windstrom ins ostdeutsche Netz. Am 27. Dezember waren es dann früh um fünf Uhr fast 13 400 MW, ein neuer Rekord. Aus Sicherheitsgründen mussten etwa weitere 1200 MW Windstrom abgeschaltet werden. Heute sind ähnliche Werte zu erwarten. Dazwischen, um den Silvestertag herum, war die Windstromproduktion gering.

"Kohlekraftwerke sind inzwischen schon sehr flexibel", erkennt Christoph Podewils an, "aber noch nicht flexibel genug." Podewils ist Sprecher von Agora Energiewende, einer Stiftungsinitiative, die sich die Begleitung der Energiewende mit Studien und Analysen zum Ziel gesetzt hat.

Die noch nicht ausreichende Flexibilität macht er dafür verantwortlich, dass an den Weihnachtsfeiertagen "negative Preise" an der Strombörse erzielt wurden. Das heißt: Angesichts des Stromüberschusses bekamen Käufer bis zu 67 Euro pro Megawattstunde geschenkt, nur um die Elektroenergie loszuwerden. Die Kosten dafür, geschätzt bis 20 Millionen Euro, landen auf den Stromrechnungen der Verbraucher. "Technisch haben wir vieles gut im Griff, es wird aber mit immer mehr finanziellem Aufwand betrieben", schätzt auch Volker Kamm, Sprecher von 50Hertz, die Situation ein.

In diesem Jahr werden voraussichtlich einige Kohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen und das Atomkraftwerk Gundremmingen II in Bayern mit fast 1400 MW stillgelegt. "Da kommt schon etwas zusammen, was an Leistung vom Grundlastsockel weggeht", sagt Christoph Podewils von Agora Energiewende. Das Problem zeitweiser negativer Strompreise werde sich dann vermutlich etwas verringern.

Weitere Informationen unter: www.lr-online.de/kohle

Zum Thema:
Zum Jahreswechsel, wenn viele Fabriken und Büros geschlossen sind, wird deutlich weniger Strom verbraucht als im Jahresdurchschnitt. Am 26. Dezember betrug der Bedarf mittags bundesweit 57 Gigawatt (sonst etwa 80 Gigawatt).Zur selben Zeit wurden etwa 43 Gigawatt erneuerbare Energie in das Stromnetz eingespeist. Das war vor allem Windstrom, weil ein Sturmtief über Deutschland zog, und entsprach mehr als 80 Prozent des Strombedarfes. Eine ähnliche Situation gibt es bei strahlendem Sonnenschein über Pfingsten. Dann liefern die Fotovoltaikanlagen in der Mittagszeit maximale Leistung bei niedrigem Verbrauch durch die Feiertage. 2016 wurde der Rekord mit 86,3 Prozent erneuerbarem Strom am Sonntagmittag vor Pfingsten erreicht.Quelle: Agora Energiewende