Vattenfall verkauft wohl seine Braunkohlesparte in der Lausitz - und sehr wahrscheinlich an einen tschechischen Anbieter. Und somit ist klar: Mittelfristig ist ein Ende der Kohle in der Region unausweichlich. Doch die Lausitzer sind skeptisch: Was folgt nach dem Wirtschaftsfaktor Kohle? Welche Alternativen gibt es hier vor Ort für eine künftige industrielle und wirtschaftliche Entwicklung? Wie können neue Arbeitsplätze geschaffen werden - heißes Thema einer aktuellen, nicht repräsentativen RUNDSCHAU-Umfrage. Teilgenommen haben rund 800 Leser.

"Kohle ist eine endliche Technologie, an dieser Wahrheit kommt keiner vorbei", so die grundsätzliche Meinung vieler Leser. 50 Prozent der Befragten finden es aber nicht richtig, dass Vattenfall seine Braunkohlesparte in der Lausitz zum Verkauf angeboten hat. Wenn schon verkaufen, dann nicht zwingend ins Ausland. Die meisten hätten es besser gefunden, wenn sich unter den Anbietern auch ein oder mehrere deutsche Interessenten gefunden hätten. "Mit dem Verkauf der Braunkohlesparte an die Tschechen werden Tausende in der Lausitz ihre Arbeit verlieren, denn die Tschechen brauchen nur die Kohle für ihre Kraftwerke und Brikettfabriken, um ihre schwefelhaltige Kohle zu ersetzen", vermutet ein Leser. "Unsere Kraftwerke und die Fabriken brauchen sie nicht. Die Tschechen werden nicht zulassen, dass ihre Kraftwerke und Fabriken geschlossen werden", so der Leser weiter.

Auch die Umweltorganisation Robin Wood steht einem Verkauf der Braunkohlesparte skeptisch gegenüber. Und geht noch einen Schritt weiter. So fordert Robin Wood den schwedischen Staatskonzern Vattenfall auf, seine Braunkohlesparte in der Lausitz nicht zu veräußern, sondern stillzulegen. Schwedens Regierung und Parlament sollten nach Ansicht von Robin Wood ihren Einfluss nutzen, um das Geschäft noch zu stoppen.

"Statt die Lausitz weg von der Kohle zu führen und das Klima zu schützen, setzt Vattenfall - gedeckt von der schwedischen Regierung - auf einen profitablen Verkauf", sagt Philip Bedall, Energieexperte von Robin Wood. "So stiehlt sich der Staatskonzern aus der Verantwortung, den längst überfälligen Strukturwandel in der Lausitz einzuleiten und die Energiewende ökologisch und sozial gerecht zu gestalten", sagt Bedall.

Tourismus allein reicht nicht

Besorgniserregend: Viele Umfrageteilnehmer sehen nach einem Kohleausstieg mittelfristig keine Alternative für die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung der Lausitz. Allein auf den Tourismus oder Erneuerbare Energien als Wirtschaftsfaktoren zu setzen, reicht bei Weitem nicht aus. Dass die Lausitz den Strukturwandel auch ohne Kohle bewerkstelligen kann, glauben lediglich 13 Prozent.

"Die Lausitz sollte eine Vorreiterrolle einnehmen in kohlendioxidarmer Kohleverstromung durch intensive Forschung und Kooperation zwischen BTU, Wirtschaft, Bund und den Ländern", sagt ein Leser. Und stellt zugleich die Frage, warum Kohle immer nur verstromt werden muss. "Es gibt weitere Verwendungsmöglichkeiten von Kohle, zum Beispiel als Flüssigtreibstoff oder in Form einer Veredlung. Die wirtschaftliche Nutzungsfähigkeit kann hier in der Region erprobt werden", so der Leser. Wichtig seien dazu verlässliche gesetzliche Grundlagen von Bund und Ländern.

Eine andere Leserin meint, es sollten zwingend Industrieansiedlungen vorangetrieben und die Verkehrswege ausgebaut werden. "Neue Innovationen sind der einzige Weg, langfristig Arbeitsplätze in der Region zu schaffen und zu sichern", schreibt die Leserin.

Zweites wichtiges Thema der Umfrage: die neu gegründete Innovationsregion Lausitz. Auch hier sind die Leser skeptisch: Fast 70 Prozent sagen, das sei "wieder nur ein weiteres Konsortium, das am Ende auch keine praktischen Lösungen zum Strukturwandel der Lausitz beitragen wird". Es gäbe bereits zu viele Gremien, die sich mit dem Kohleausstieg und der Zukunft der Lausitz befassen. Meist ohne klares Ergebnis in der Praxis, stellt die Mehrheit der Befragten fest. Noch ist das genaue Profil des neuen Gremiums unklar. Für einige Leser hätte die Gründung bereits vor Jahren über die Bühne gehen müssen. "Der Schritt hätte passieren müssen, als sich abzeichnete, dass die Kohleverstromung zunehmend kritisch betrachtet wird und durch die starke Förderung der erneuerbaren Energien auch wirtschaftlich unter Druck gerät", sagen einige der Befragten.

Einen Erfolg der Innovationsregion Lausitz machen die meisten Leser übrigens von der finanziellen Unterstützung durch Bund und Länder abhängig - sagen knapp 40 Prozent. Jeder Dritte hofft, dass sich möglichst viele Firmen an den Projekten der Innovationsregion beteiligen.

In die Zukunft blicken sollten die Umfrageteilnehmer auch. Das Ergebnis ist auch hier ziemlich ernüchternd: Die Lausitz in 15 Jahren wird als Region gesehen, die nach dem Kohleausstieg überwiegend auf Tourismus ausgerichtet ist, die verloren gegangene Arbeitsplätze aber nicht kompensieren konnte. Arbeitsplatzverluste und der Wegzug vor allem junger Menschen bleiben wohl das prägende Merkmal, glaubt man der Mehrzahl der Leser.

Optimistische Töne im Radio

Überwiegend kritische Meinungen. Die Stimmung in der Lausitz und die vielerorts spürbare Verunsicherung, wenn es um die wirtschaftliche Zukunft der Region geht, war auch Thema bei einer Sendung aus der Reihe "Radioeins und RUNDSCHAU Spezial" am Freitagabend aus Cottbus. Dabei diskutierten Politiker, Wissenschaftler, Vertreter des Mittelstandes und Journalisten über die aktuelle Situation und die Zukunft der Lausitz. Einer der in der Runde trotz aller Herausforderungen viel Optimismus ausstrahlte, war der Lausitzer Bundestagsabgeordnete Uli Freese (SPD). "Wir müssen hier keine unbegründeten Ängste haben. In der Lausitz läuft ein Strukturwandel bereits seit zwei Jahrzehnten, und hier ist viel geschaffen worden. Wir dürfen jetzt nur nicht stehenbleiben", sagte Freese. Aus Sicht des langjährigen Gewerkschafters ist der Verkauf der Tagebaue und Kraftwerke in der Lausitz für die derzeit rund 8000 direkt Beschäftigten keine Katastrophe. Sollte das tschechische Unternehmen EPH zum Zuge kommen, gebe es schon viele gute Erfahrungen im Mitteldeutschen Revier. Dort sind die Tschechen bereits seit Jahren aktiv im Braunkohlegeschäft.

Ähnlich zuversichtlich gibt sich der Geschäftsführer der neugegründeten Innovationsregion Lausitz GmbH Hans Rüdiger Lange. Er sieht enormes "kreatives Potenzial" im Süden Brandenburgs und im Nordosten Sachsens. Ein Mittelständler, der im Maschinenbau stark sei, müsse auf lange Sicht nicht zwangsläufig nur mit einem Kohleproduzenten zusammenarbeiten. Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber gab sich in der "Radioeins und RUNDSCHAU Spezial"-Debatte überzeugt, dass die Kohle eine notwendige Brückentechnologie für die kommenden zwei Jahrzehnte bleibt. Der Zusammenschluss der großen Player in der Innovationsregion sei jetzt die entscheidende Voraussetzung, um für die Zeit danach entsprechend vorbereitet zu sein.