Lothar Enders sieht die Sache relativ gelassen. Der Schichtleiter im Zentralleitstand des Kraftwerks Jänschwalde erwartet im Grunde einen Tag wie jeden anderen. "Wir wollen Hektik vermeiden und das Kraftwerk sicher leiten", sagt er in die Fernsehkameras von ZDF und MDR, die sich vor seinem Leitstand aufgebaut haben. Denn es ist selten, so ein Ereignis wie eine Sonnenfinsternis - und damit auch alle Begleitumstände für die Öffentlichkeit interessant. Und die Bedeutung der Kraftwerke in dieser Hinsicht ist größer geworden. Denn bei der letzten Sonnenfinsternis im Jahr 1999, die auch in Deutschland zu sehen war, habe es eine noch nicht so große Solarstromproduktion gegeben wie heute, sagt der Jänschwalder Kraftwerksleiter Andreas Thiem. Deshalb können sich Lothar Enders und Dispatcher Ronald Schmotz auch nicht wirklich an diesen Tag erinnern.

Da das Jänschwalder Kraftwerk günstig liegt, könne es große Lastschwankungen aus Fotovoltaik- und Windkraftanlagen aus dem Norden ausgleichen. "Wir können umgerechnet zehn Windräder in Sekundenschnelle ausgleichen", so Andreas Thiem. Deshalb komme das Kraftwerk auch für die Sonnenfinsternis infrage, genau wie die anderen Vattenfall-Braunkohlenkraftwerke in Boxberg und Schwarze Pumpe sowie in Lippendorf bei Leipzig und die Pumpspeicherwerke des Unternehmens - neben weiteren größeren Kraftwerken in Deutschland. Im Ex tremfall könnten am Vormittag durch die zeitweise Verdunklung der Sonne bis zu 13 000 Megawatt an Solarenergie in Deutschland ausfallen, am Mittag durch den höheren Stand der Sonne könnten bis zu 19 000 Megawatt schlagartig zurück ins Netz fließen, hatte Hubertus Altmann, Kraftwerks-Vorstand bei Vattenfall, mitgeteilt. Die Vattenfall-Kraftwerke könnten die Produktion mit hohen Last änderungsgeschwindigkeiten von bis zu 250 Megawatt pro Minute flexibel an die Netzsituation anpassen.

"Bei uns in Jänschwalde ist das so möglich, weil wir zwei Kessel pro Turbine haben", erklärt Lothar Enders. "Wir können sofort einen Kessel außer Betrieb nehmen und dadurch die Stromerzeugung herunterregeln. Wir können die Leistung um bis zu 65 Prozent absenken." Dispatcher Ronald Schmotz sei auch am heutigen Freitag der Verbindungsmann zu den Netzbetreibern und bekomme Verfügbarkeiten und Bedarfe gemeldet.

Der Zentralleitstand könne dann per Knopfdruck hoch- oder herunterregeln. Auch an den anderen wichtigen Stellen im Kraftwerk sei die Frühschicht am Sonnenfinsternis-Tag überall doppelt besetzt, bemerkt Kraftwerksleiter Andreas Thiem. Außerdem seien Instandhaltungsarbeiten verschoben worden, damit alle Kraft im Falle des Falles zur Verfügung stehe. "Die größten Schwankungen erwarten wir gegen 11.30 Uhr, wenn die Solaranlagen wieder mit der Arbeit starten", so Thiem. "Für uns als Kraftwerker ist der Tag jedoch keine besondere Herausforderung, eher für die Netzbetreiber."

Der für Brandenburg und Sachsen zuständige Verteilnetzbetreiber, die enviaM-Tochter Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom (Mitnetz Strom), ist auf die Sonnenfinsternis eingestellt. Wie Evelyn Zaruba, stellvertretende Pressesprecherin, mitteilt, habe man sich mit dem vorgelagerten Übertragungsnetzbetreiber 50-Hertz, für den das Ereignis besonders zur Herausforderung werde, vorbereitet. So hätten in den vergangenen Wochen unter anderem Tests zu möglichen Notabschaltungen per Fernwirktechnik stattgefunden, so Zaruba. Mitarbeiter seien zusätzlich geschult worden. Nun ist man auch im Jänschwalder Zentralleitstand gespannt, wie es wirklich laufen wird. "Wir werden hoffentlich keine Engpässe bekommen", sagt Lothar Enders. Einen Engpass haben sie allerdings auf die Frage einer Fernsehreporterin schon festgestellt - sie haben keine Sonnenfinsternis-Brillen dabei.