„Familien brauchen eine Gesellschaft, die ihnen Zeit lässt und Raum.“
 Horst Köhler, Bundespräsident


„Unsere Steu er-, Sozial- und Bildungspolitik und unsere Infrastruktur hinken den Veränderungen der Familie hinterher, weil sie an überholten Familienbildern ausgerichtet sind“, sagte Köhler gestern im Berliner Schloss Bellevue zur Eröffnung der Konferenz „Forum Demografischer Wandel“. „Familien aber brauchen zeitgemäße Strukturen, sie brauchen eine Gesellschaft, die ihnen Zeit lässt und Raum.“

Horst Köhler, verheiratet, zwei Kinder, lebt in einer traditionellen Familie. Und dennoch verschließt der Präsident nicht die Augen vor den gesellschaftlichen Veränderungen. Die Politik des Staates hinke den Entwicklungen hinterher, weil sie von einem überholten Familienbild ausgehe, sagte Köhler gestern.

Notwendig aber seien „zeitgemäße Strukturen“ . Was das konkret heißt, deutete der Bundespräsident nur an. Frauen hätten ein anderes Rollenverständnis, sie wollten berufstätig bleiben und ihren Kinderwunsch damit vereinbaren. Von einem Einkommen könne ein Haushalt kaum noch leben, weil es die Sicherheit eines lebenslangen Arbeitsplatzes nicht mehr gebe, sondern im Gegenteil hohe Anforderungen an die Mobilität des Einzelnen. „All das setzt die Familie von heute unter Druck“ , sagte der Präsident. Die Institutionen müssten der Familie daher mehr als früher helfen, die Gesellschaft ihr insgesamt „mehr Zeit und Raum“ lassen.

Köhler hatte zu der Veranstaltung 15 Schüler eingeladen. Sie erzählten in einem vorab gezeigten Film, warum sie vielleicht später Kinder haben wollen und warum nicht. Immer wieder stand bei den Äußerungen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt - und oft der Zweifel, dass die Berufswelt Kinder überhaupt zulasse.

Von einer „Rush-hour des Lebens“ sprach auf dem Forum die Berliner Professorin Katharina Spieß. Im Alter von 20 bis 30 Jahren müsse die junge Frau sich für Kinder und Familie entscheiden, in dieser Zeit aber würden auch die Weichen für das Berufsleben gestellt. Viele verschöben ihren Kinderwunsch und nähmen ihn später dann nie wieder auf. Spieß forderte, diese Rush-hour zu entzerren, was angesichts des längeren Arbeitslebens auch möglich sei. Sie schlug gesetzliche Rahmenbedingungen vor, damit Frauen und Männer flexibel für die Kindererziehung Auszeiten aus dem Berufsleben nehmen können. Die dreijährige Elternzeit sei zu starr. Außerdem müssten die familienbezogenen Dienstleistungen stark ausgebaut werden.

Auch der Bielefelder Familienforscher Franz-Xaver Kaufmann forderte solche Flexibilität. So könnten zum Beispiel Hochschulen jungen Studentinnen, die Kinder haben, eine „größere Zeitsouveränität“ beim Studium geben. Kaufmann sagte, dass die Zahl der Geburten pro Frau, die derzeit in Deutschland bei 1,3 liegt, durchaus noch weiter sinken könne, wenn nichts geschehe. Die „Kultur der Kinderlosigkeit“ breite sich immer weiter aus. Nicht nur im Arbeitsleben, auch in vielen Bereichen der Freizeit würden Kinder heute kaum noch gesehen und auch nicht akzeptiert. Das Fernsehen sei weitgehend kinderfrei. Der Staat müsse dafür sorgen, dass Familien mit Kindern sichtbar anerkannt werden. Zudem müsse das Bildungssystem stärker mit den Familien zusammenarbeiten und sie unterstützen.

Köhler wollte mit der von ihm initiierten Gesprächsrunde einen Anstoß geben, um die Probleme der demografischen Entwicklung sachlich zu diskutieren. Panik helfe nicht. Aber alle müssten begreifen, „dass kein vernünftiger Staat zu machen ist, wenn nicht die demografische Entwicklung berücksichtigt wird“ .