Ein paar kleine Demons trationen gibt es in der Umgebung. Eine Initiative für mehr Bürgerbeteiligung steht mit ihren Plakaten in der Herbstsonne an der Absperrung: "Volksbegehren in den Koalitionsvertrag". Ansonsten ziehen nur die Touristen ihre übliche Bahn um den Reichstag. Ein paar winken, als sie Angela Merkel am Nachmittag gegen 16.15 Uhr in ihren Wagen steigen sehen.

Wären da nicht die vielen Kameras vor der Tür der "Parlamentarischen Gesellschaft", man würde nicht merken, dass hier etwas Wichtiges geschieht: der Versuch von CDU, CSU und SPD, eine gemeinsame Regierung für Deutschland zu bilden. Allerdings bleibt es zunächst bei dem Versuch. Alles ist angesprochen worden, nichts entschieden. Und man trifft sich noch ein zweites Mal, um zu beraten, ob es sich überhaupt lohnt, weiterzureden. So die dürftigen Mitteilungen nach drei Stunden.

"Es macht Sinn, und es ist notwendig, weiter zu sondieren", fasst CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe das magere Ergebnis zusammen. Aber man kann es auch anders lesen. Hier zerschneiden zwei das Tischtuch nicht, obwohl vor allem die Basis der SPD dagegen ist, dass ihre Führung etwas mit der Union anfängt.

Die Inszenierung dieses Tages passt zur Ausgangslage. Die Union will regieren, ziemlich egal mit wem, die SPD ist sich unschlüssig. Man sieht es zu Beginn. Die Unionsdelegation, mit 14 Teilnehmern ohnehin doppelt so groß, stolziert regelrecht in das Beratungsgebäude. Merkel in der Mitte, Seehofer und die ganze Phalanx neben und leicht hinter ihr. So gehen sie auf die Kameras zu.

Fraktionschef Volker Kauder macht im breitbeinigen Cowboygang die Dampframme gegen den Medienpulk. "Platz da!" Merkel trägt eine große Handtasche, in die sie noch viele Gegner stecken kann. Als die Gruppe das Gebäude der "Parlamentarischen Gesellschaft" betritt, öffnet sich das große, ausladende Tor der Einfahrt. Die SPD-Delegation hingegen kommt verdruckst wie der Kunde einer schlecht beleumundeten Bar. Zehn Minuten vor der Union. Die sieben Verhandlungsführer gehen wortlos hintereinander an den Medienvertretern vorbei. Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hat die Hände in der Hosentasche. Nur Sigmar Gabriel sagt einen Satz. Was er erwarte? "Dass das Wetter so schön bleibt."

Das große Tor zur "Parlamentarischen Gesellschaft", ist da noch zu, die Sozialdemokraten nehmen die kleine Tür, die zwar eigentlich die Eingangstür ist, aber deutlich weniger repräsentativ. Sie müssen erst klingeln und warten, ehe sie aufgeht. Wie 2005, als es zwischen Merkel und Stoiber auf der einen, Schröder und Müntefering auf der anderen Seite eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe war, wirkt das nicht. Das ist es bei einem Abstand von 15 Prozentpunkten im Wahlergebnis ja auch nicht mehr.

Am Tisch ist die Stimmung gar nicht so schlecht. Sachlich, freundlich. "Es war schön und schnell", ruft Peter Ramsauer der Presse bei der Abfahrt zu. Man sitzt im Karree, im Raum "Berlin" des ehemaligen Reichstagspräsidentenpalais. Merkel am einen, Gabriel am anderen Ende. Mitarbeiter müssen draußen bleiben.

In einer Pause gibt es Kartoffelsuppe. Und Pflaumenkuchen. Merkels märkische Lieblingsspeisen. Die CDU-Chefin ist die Einladende. Über die Inhalte wird Vertraulichkeit vereinbart.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und ihre Kollegen von der Union nennen nur die Themen, über die man geredet hat. Bildung, Föderalismus, Arbeitsmarkt, Euro, Finanzen, Energie, Infrastruktur, Soziales. Irgendwie alles wird angerissen. Nichts ausdiskutiert.

Es gebe Felder, wo man Gemeinsamkeiten festgestellt habe, "aber auch solche, die strittig sind", sagt Nahles.

Alexander Dobrindt von der CSU drückt es so aus: "Zumindest ist die Zahl der potenziellen Koalitionspartner nicht weniger geworden." Und er sagt, dass man solche Gespräche in den Parteien auch wirken lassen müsse. Steter Tropfen höhlt den Stein?

Nächsten Donnerstag sind am gleichen Ort die Grünen dran. Womöglich mit dem gleichen Ergebnis. Die Prophezeiung von Nahles, die Regierungsbildung könne sich sogar bis Januar hinziehen, ist jedenfalls nicht ganz abwegig.

Zum Thema:
Pkw-Maut: Die Union ist selbst uneins über eine Pkw-Maut für ausländische Wagen. Die SPD lehnt eine Pkw-Maut strikt ab. Mieten: Gegen drastische Mieterhöhungen schlagen Union und SPD Preisbremsen vor. Die SPD will bundesweit eine Erhöhungs-Obergrenze bei Wiedervermietungen von zehn Prozent. Steuern: Die SPD will den Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent anheben. Die Union hat Steuererhöhungen wiederholt ausgeschlossen. Rente: Union wie SPD sind sich einig: Wer Zeit seines Lebens gearbeitet, aber wenig verdient hat, soll im Rentenalter mindestens 850 Euro monatlich zum Leben haben und nicht zum Sozialamt gehen müssen. Arbeitsmarkt: Beim Mindestlohn scheinen die Gräben überwindbar, ebenso bei den Positionen zu Leih- und Zeitarbeit sowie bei Werkverträgen. Energie: Die Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz wollen beide Seiten kappen und den Ausbau von Solar- und Windenergie stärker an das Tempo beim Netzausbau anpassen.