Kurz vor der Konferenz der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wetterte der irakische Regierungschef in Paris los. "Versagen" warf Haidar al-Abadi dem US-geführten Bündnis vor. Seine Truppen würden am Boden alleingelassen, legte er später noch nach.

Was der irakische Regierungschef bei seiner donnernden Kritik ausließ: Bereits mehrfach sind der IS-Miliz wertvolle und effektive Waffen aus US-Lieferungen in die Hände gefallen, weil die irakische Armee vor den Dschihadisten geflohen ist. Doch die Attacke von Paris, nach Angaben von Teilnehmern im großen Rund der Konferenz dann von Al-Abadi nicht mehr aufgegriffen, blieb nicht ohne Widerhall. US-Außenminister John Kerry - nach seinem Fahrradunfall nur telefonisch zugeschaltet - sicherte dem Irak Unterstützung in Form frischer Waffen zu. Noch in dieser Woche sollen erste Panzerabwehrgeschütze eintreffen.

Iraks Armee hat zuletzt schmerzhafte Niederlagen erlitten: Vor etwa zwei Wochen eroberten die Dschihadisten die Hauptstadt der umkämpften Westprovinz Anbar, Ramadi. Die sunnitischen Extremisten griffen Regierungsgebäude mit Selbstmordattentätern in sprengstoffbeladenen Lastwagen und Panzerfahrzeugen an. Wenige Tage später hissten IS-Kämpfer ihre schwarze Flagge über der historischen Oasenstadt Palmyra. Dann nahmen sie den strategisch wichtigen syrisch-irakischen Grenzübergang ein, womit sie weite Teile der Route zwischen Bagdad und Damaskus kontrollieren.

US-Verteidigungsminister Ash ton Carter übte vor allem wegen der Niederlage in Anbar heftige Kritik. Beim Kampf um Ramadi seien die Iraker der IS-Miliz zahlenmäßig weit überlegen gewesen. "Die irakischen Truppen haben einfach keinen Willen zum Kampf gezeigt", monierte er im US-Fernsehsender CNN.

Iraks Armee ist heute von der Schlagkraft schiitischer Milizen abhängig. Sunniten waren in der Truppe nach dem Ende des sunnitischen Machthabers Saddam Hussein jahrelang benachteiligt. Die sunnitischen Bürgerwehren, einst von den Amerikanern als Bollwerk gegen Terrorgruppen gegründet, wurden vernachlässigt. Die militärische IS-Führung besteht hingegen zu einem großen Teil aus gut geschulten Offizieren, die einst in der irakischen Armee unter Saddam kämpften.

Der Schulterschluss von Sunniten und Schiiten in den eigenen Reihen ist Iraks Armee bis heute nicht gelungen. Vor wenigen Tagen geriet die Operation zur Rück eroberung von Anbar zum Affront zwischen den Volksgruppen. Sprecher der Schiitenmilizen kündigten die Offensive mit dem Namen "Labaik ja Hussein" an (sinngemäß: "Wir sind zur Stelle, oh Hussein"). Der von Schiiten als Märtyrer verehrte Imam Hussein war Enkel des Propheten Mohammed und starb im Jahr 680 bei einer Schlacht, die die Spaltung der Muslime in Schiiten und Sunniten endgültig besiegelte. Die Operation ist inzwischen umbenannt. Für die Kämpfer heißt es jetzt: "Wir sind zur Stelle, Irak."