Auffällig war der Dissens nach der Sondersitzung des Innenausschusses vor einer Woche. Da meldeten sich zwei SPD-Herren doch recht widersprüchlich zu Wort. Der eine, Innenausschuss-Vorsitzender Mario Pecher, fand nach der geschlossenen Sitzung die von der CDU ins Spiel gebrachten Sonderunterkünfte für Asylbewerber mit hoher Ablehnungswahrscheinlichkeit durchaus vernünftig. Diese Nachricht wurde schon eifrig gekabelt, da meldete sich der andere, Innensprecher Albrecht Pallas, zu Wort. Er tippte nachdrücklich auf den Forderungskatalog der SPD-Fraktion zur Asylpolitik, der schon seit Wochen auf dem Tisch liegt. Es gelte zuvörderst, "die Kapazitäten für die Erstaufnahme von Geflüchteten schneller als bislang geplant auszubauen und die Asylverfahrensdauer deutlich zu verkürzen".

Der eine will auf CDU-Linie einschwenken, der andere kehrt trotzig das Gesicht der netten Koalitionshälfte raus. Das riecht nach Familienkrach. Und so lud Parteichef Martin Dulig am Mittwoch zum klärenden Pressegespräch. Man stehe "vor der größten humanitären Herausforderung seit den Balkankriegen", sagte der Wirtschaftsminister. Die Ziele seien unter anderem, von Herbst an ohne Zelte für die Unterbringung von Flüchtlingen auszukommen und die Verfahrensdauer von Asylanträgen zu verkürzen.

Druck rausnehmen will auch Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Sie sagte im Interview mit der "Zeit", die Ankündigung von gesonderten Camps für Abschiebekandidaten sei falsch verstanden worden. "Asylbewerber mit geringen Bleibechancen eigens an einem Ort zu versammeln - wie sollte das gehen? Wir hätten dafür doch gar keine freien Kapazitäten", sagte Köpping. Priorität der gesamten Regierung bleibe die Beschleunigung der Asylverfahren.

Umso mehr, nachdem es am Dienstag zu Rangeleien in der Chemnitzer Erstaufnahmeeinrichtung kam. Laut Polizei machten dort 200 Asylbewerber ihrem Ärger über die lange Verfahrensdauer Luft. Eine Mitarbeiterin der Landesdirektion wurde dabei leicht verletzt.

In Hoyerswerda sind 17 Syrer in Hungerstreik getreten, um ihre Anträge voranzutreiben. Abgesehen von der langen Dauer wird immer deutlicher, dass der Platz nicht reicht. Allein für den August rechnet die Landesdirektion mit mehr als 5000 Menschen - das wären halb so viele wie im ganzen Jahr 2014. CDU-Innenexperte Christian Hartmann forderte gestern vom Innenministerium ein Konzept für 8000 bis 10 000 Plätze.

Sichtbarster Stein des Anstoßes bleibt das Zeltlager in der Dresdner Friedrichstadt. Seit dort um die 1000 Flüchtlinge wohnen, wird heftig gestritten. Um Unterbringungsstandards, Sicherheit und um möglichst schnelle Lösungen.

Bis Ende Oktober will Innenminister Markus Ulbig (CDU) die Zelte durch Wohncontainer ersetzt haben. Der SPD reicht das nicht, sie fordert feste Unterkünfte bis spätestens Ende September.

In CDU-Kreisen dagegen ist man erstmal froh, die Menschen überhaupt unterbringen zu können. Derzeit kommen an die 300 Flüchtlinge pro Tag dazu.

Zum Thema:
Mit der Ernst-Grube-Halle auf dem Gelände der Uni Leipzig wird eine weitere Sportstätte als Notunterkunft in Sachsen vorbereitet. Sie soll ab Freitag nutzbar sein, um Asylbewerber vorübergehend unterzubringen. Die Halle ist Ausweichspielort der Leipziger Bundesliga-Handballer und wird auch für Volleyball-Zweitliga und Judo-Bundesliga genutzt. Der Studentenrat sprach von einer für alle Beteiligten überraschenden Entscheidung, die die "völlige Plan- und Konzeptlosigkeit" des Innenministeriums in Asylfragen offenbare.