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| 02:43 Uhr

Knipst die Bahn das Licht aus?

Vielleicht bald zusammen mit Nachtzügen Geschichte: der Autozug.
Vielleicht bald zusammen mit Nachtzügen Geschichte: der Autozug. FOTO: dpa
Berlin. Die Bahn will das Angebot von Nacht- und Autoreisezügen radikal verkleinern oder ganz einstellen. Ein Bündnis aus Politik und Gewerkschaften wendet sich dagegen, denn die Nachfrage sei groß. Hagen Strauß

Die Vorstellung, abends im Zug einzuschlafen und morgens am Ziel in einer fremden Stadt aufzuwachen, entbehrt nicht einer gewissen Romantik. Nachtzüge sollen eine besondere, entschleunigte Art des Reisens bieten. Nun ist die Bahn ein Unternehmen, das mit Romantik nicht viel am Hut hat. Der Konzern denkt betriebswirtschaftlich, und weil das so ist, soll das Angebot von Nacht- und Autoreisezügen radikal eingestampft, womöglich gänzlich eingestellt werden. Dagegen wehrt sich jetzt ein breites Bündnis: Die Nachfrage nach den Nachtzügen sei groß, so die Vertreter von Politik und Gewerkschaften gestern in Berlin. Die Bahn müsse investieren statt streichen.

Berufspendler nutzen sie, Urlauber mit viel Gepäck, Familien, Senioren, auch Menschen, die Flugangst haben - für solche Reisenden sind die Züge der bisher 17 "City-Night-Line"-Verbindungen mit Schlaf- und Liegewagen gedacht. Man kann sogar nächtens nach Kopenhagen, Amsterdam oder Paris fahren. Noch. Denn auch diese Strecken sollen eingestellt werden. Während im Unternehmen das Wort vom "Verlustbringer" zu hören ist, halten die Gegner der Abschaffung dagegen: Allein 1,5 Millionen Fahrgäste hätten im vergangenen Jahr die Nachtzüge genutzt, 300 000 die Autozüge, so Joachim Holstein, Betriebsrat bei der Bahn. Dem Umsatz von 120 Millionen Euro stünden Kosten von 110 Millionen Euro gegenüber. Es stimme also nicht, dass das Angebot bei den Kunden ein Auslaufmodell sei. Die Gewerkschaften sorgen sich vor allem um den weiteren Jobabbau in dieser Sparte - insgesamt sollen durch die Streichpläne rund 1000 Stellen auf dem Spiel stehen.

Selbst wenn die Züge defizitär seien, ergänzte Holstein, müsse man die Bahn als Gesamtsystem sehen, in dem einzelne Sparten kleine Defizite der anderen ausgleichen könnten. Für die Initiatoren ist zudem klar: Es gibt zwar immer wieder Klagen über mangelnde Pünktlichkeit und Qualität, aber die meisten Kunden der rollenden Hotels sind Stammkunden. Nur die wenigsten werden einen anderen Zug nutzen, wenn der Nachtzug wegfällt. Diese Menschen seien dann für die Schiene verloren, so der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel. Hinzu kommt: Der Umstieg aufs Flugzeug oder aufs Auto sei auch klimapolitisch ein herber Rückschlag, meinte die Linke Verkehrsexpertin Sabine Leidig. Außerdem gehe es darum, so Leidig, "eine Kultur des Reisens zu erhalten". Nachtzüge gibt es in Deutschland seit 162 Jahren, Autozüge seit fast 80 Jahren.

Heute wird der Bundestag einen Antrag der Linken beraten, in dem gefordert wird, der Bund möge als alleiniger Eigentümer die Bahn dazu bringen, dass die in diesem Jahr bereits vollzogenen Kürzungen bei Auto- und Nachtzügen zurückgenommen werden. Stattdessen soll ein zweijähriges Moratorium gelten, in dem Alternativen geprüft werden könnten. Auch, wie ein europäisches Nachtzugsystem aufgebaut werden kann. Die Fußball-EM 2020, die in 13 Ländern stattfinden wird, soll dabei Zielmarke sein, um Nachtzüge als Alternative zum Flugzeug zu etablieren.

Gestern wurden der Bahn am Berliner Potsdamer Platz 7000 Protestpostkarten von Kunden übergeben, dazu fünf Petitionen mit 13 000 Unterschriften zum Erhalt der Nachtzüge. Das Unternehmen betonte, das Angebot nicht komplett einstellen zu wollen. Man plane, ein kostendeckend betreibbares Netz zu formen. Dafür müsste die Bahn allerdings kräftig investieren. Es gebe vor allem bei den Schlaf- und Liegewagen erheblichen Sanierungsbedarf, so Gewerkschafter Holstein. Die Hoffnung aufgegeben hat er noch nicht. Es gebe entsprechende "Signale" seitens der Bahn