A n dem kühlen Herbsttag machen enttäuschte Wähler in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ihrem Ärger über Präsident Viktor Janukowitsch Luft. "Ich habe für die Partei Vaterland von Julia Timoschenko gestimmt, weil alles anders werden muss", sagt der 58 Jahre alte Andrej. Seit der Amputation eines Fingers ist der Monteur arbeitslos. Aber als "Erwerbsunfähiger" bekommt er keine staatliche Unterstützung. Andrej will, dass Janukowitsch abtritt und die Opposition um die inhaftierte Timoschenko und den Boxer Vitali Klitschko die Macht übernimmt. "Mit ihnen gehen wir Richtung Europa, mit Janukowitsch bloß Richtung Russland", sagt er.

In den Wahllokalen im Zentrum von Kiew herrscht Andrang. Der Machtkampf in der ehemaligen Sowjetrepublik ist in der heißen Phase. Die Spannung ist förmlich zu spüren. Viele sprechen von "einem Tag der Entscheidung nach Jahren der Enttäuschung". Zumindest in Kiew sind wenige Menschen zu treffen, denen die Wahl gleichgültig ist. Auch auf den Bildern, die Webkameras aus fast 34 000 Wahllokalen übertragen, ist reger Betrieb zu sehen. Aufwendig hat die Regierung für etwa 100 Millionen Euro die Internetüberwachung im zweitgrößten Flächenland Europas einrichten lassen - "um Fälschungen zu vermeiden". Doch Berichte über Stimmenkauf und manipulierte Wählerlisten haben die Ukrainer in den vergangenen Tagen aufgebracht. "Nur blinde und taube Menschen können diese Wahlen fair nennen", kritisiert Timoschenko in einem dramatischen Appell aus der Haft. Ihre Landsleute sollten unbedingt wählen gehen. "Eure massive Teilnahme kann ein Gegengift sein gegen die Fälschungen", fordert die erkrankte Ex-Regierungschefin. Timoschenko verbüßt seit 2011 eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs. Timoschenko darf nicht kandidieren, und so ist Boxweltmei ster Klitschko für viele zu einem Hoffnungsträger geworden.

In der Hauptstadt sind aber auch viele Wähler zu finden, die Klitschko nicht vertrauen. "Seine Versprechen sind ein ungedeckter Scheck. Er ist ein guter Sportler - aber keiner weiß, wofür er steht", sagt etwa der 52-jährige Makler Oleg.