Boxer treten vor schicksalhaften Duellen oft großmäulig auf. "Ich werde dich vernichten", lautet eine gängige Kampfansage. Vitali Klitschko ist anders. Der Weltmeister mit dem Spitznamen "Dr. Eisenfaust" lässt lieber Tatsachen sprechen. Es ist deshalb kein Zufall, dass über eine Pressemitteilung des Boxverbandes WBC durchsickerte, was viele Menschen in Klitschkos ukrainischer Heimat seit Langem gehofft hatten: "Vitali hat erklärt, dass er sich 2015 um die Präsidentschaft bewerben will."

Seit zehn Jahren stehen sich in Kiew zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Die Oberhand behalten hat der Donezker Clan des autoritär regierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch. Unterstützt wird er von Oligarchen aus dem russischsprachigen Osten des Landes. Dieser korrupten Machtelite ist es mit unerlaubten Tiefschlägen gelungen, ihre Widersacher um Oppositionsführerin Julia Timoschenko aus dem Ring zu prügeln. Die Heldin der prowestlichen Revolution in Orange sitzt nach einem politisch gesteuerten Prozess eine siebenjährige Haftstrafe ab.

In dieser Situation schlägt "Dr. Eisenfaust" zu. Klitschko setzt seine Treffer gezielt. Die Janukowitsch-Regierung ringt derzeit mit der EU um einen Vertrag über eine politische und wirtschaftliche Anbindung. Vor einem für den Herbst geplanten Gipfel kann es sich Janukowitsch nicht leisten, nach den Attacken gegen Timoschenko nun auf Klitschko loszugehen. Umfragen sehen Klitschko und Janukowitsch fast gleichauf.

Was in ihm steckt, hatte Klitschko schon bei der Parlamentswahl 2012 gezeigt, als er mit seiner jungen Partei Udar (Schlag) auf Anhieb 14 Prozent der Stimmen erzielte. Allerdings hatten die Demoskopen ein noch stärkeres Ergebnis vorhergesagt. Beobachter in Kiew warnen deshalb vor einem "Frühstart dieses großen Sportlers", wie es der Politologe Wladimir Bondarenko formulierte. "Ab sofort steht er unter Beobachtung der Macht."

Klitschkos größter Vorteil dürfte es sein, dass er die Lager sprengen und damit die Spaltung der Ukraine in Ost und West überwinden kann. Udar war bei der Wahl 2012 die einzige Partei, die landesweit ähnlich starke Ergebnisse erzielte. Der Timoschenko-Block ist ebenso eindeutig im Westen des Landes verortet wie Janukowitschs Partei der Regionen im Osten. In der gesellschaftlichen Realität verliert diese Trennung allerdings zusehends an Bedeutung. Eine Anbindung an die EU ist populär. Das ist die Politik, die Klitschko verkörpert.

"Meine Partei wird alles dafür tun, dass die Ukraine ihre Chance nicht verspielt, Mitglied der europäischen Völkergemeinschaft zu werden", sagte er im Mai im Gespräch mit der RUNDSCHAU.

Offiziell steuert zwar auch Janukowitsch Kurs West. Glaubwürdig wirkt der Mann mit dem antidemokratischen Gebaren dabei allerdings nicht immer.

Den Ausschlag geben könnte die angezählte Timoschenko. Die Oppositionsführerin bindet ein Drittel der ukrainischen Wähler an sich. Klitschko weiß das und fordert immer wieder ihre Freilassung.

Aber der Schwergewichtler dürfte auch wissen, dass die Frau mit dem berühmten Haarkranz bereits einmal gemeinsame Sache mit einem Mann gemacht hat. Während der Revolution in Orange stand sie zunächst hinter dem späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko - und fiel ihm dann in den Rücken.