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| 02:39 Uhr

Kliniken unter falschem Verdacht

Seit 2012 arbeitet Valeriya Poetschke im Kreiskrankenhaus von Weißwasser als Hygienefachkraft. Sie ist im Klinikalltag für das Hygienemanagement zuständig. Links: Geschäftsführer Steffen Thiele.
Seit 2012 arbeitet Valeriya Poetschke im Kreiskrankenhaus von Weißwasser als Hygienefachkraft. Sie ist im Klinikalltag für das Hygienemanagement zuständig. Links: Geschäftsführer Steffen Thiele. FOTO: dfh
Weißwasser. "Schlampige Hygiene im Krankenhaus" hat das ARD-Magazin "Plusminus" vor Kurzem in seiner wöchentlichen Sendung getitelt – und diskreditierte damit auch einige Lausitzer Kliniken. Nun stellt sich heraus: Die Recherchen enthielten handwerkliche Fehler. Daniel Friedrich

"Frustrierend" findet Steffen Thiele, der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses in Weißwasser, das, was Mitte Januar in der ARD-Sendung "Plusminus" berichtet wurde. Demnach erfülle mehr als jedes vierte Krankenhaus in Deutschland in puncto Hygienepersonal nicht die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Es fehle vielfach an geschulten Hygieneexperten, offenbar nähmen einige Kliniken das Thema "Hygiene" nicht besonders ernst.

Dem Kreiskrankenhaus in Weißwasser, den drei Elbe-Elster-Kliniken und dem Klinikum Dahme-Spreewald in Königs Wusterhausen war auf einer dazugehörigen Grafik unterstellt worden, die RKI-Empfehlungen (siehe Infobox) 2014 nicht erfüllt zu haben. Auch die LAUSITZER RUNDSCHAU hatte über den Beitrag berichtet. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die Aussagen über beide Einrichtungen nicht stimmen. Wie kommt die schlechte Bewertung zustande?

Qualitätsbericht mit Lücken

Die ARD beruft sich auf Erkenntnisse des Recherchezentrum Correctiv. Dieses sieht sich als gemeinnütziges, unabhängiges Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Laut dem verantwortlichen Correctiv-Reporter Hristio Boytchev stützte man sich bei den Recherchen auf Angaben, die die Krankenhäuser selbst machten. Sie stammen aus dem "Referenzbericht zum Qualitätsbericht 2014", den der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) jährlich veröffentlicht. Die Reporter von Correctiv prüften für ihre Recherche diese Qualitätsberichte des GBA. Jedoch waren die Angaben zum Hygienepersonal für den Bericht optional - also nicht verpflichtend - zu beantworten, so Valeriya Poetschke, Hygienefachkraft im Krankenhaus Weißwasser. Das Weißwasseraner Krankenhaus ließ sie deshalb ohne böse Absicht einfach weg. Dort, wo die freiwilligen Angaben fehlten, bewertete Correctiv diese mit einer Null. So entstand vermutlich nicht nur beim Weißwasseraner Krankenhaus der Eindruck, es gäbe null entsprechendes Hygienepersonal - ein handwerklicher Recherchefehler.

Denn im Jahr 2014, zum Zeitpunkt der Bestandsaufnahme für den Bericht, verfügte das Kreiskrankenhaus Weißwasser über eine Hygienefachkraft, einen hygienebeauftragten Arzt, einen extern beratenden Krankenhaushygieniker der Uniklinik Dresden sowie 17 Hygienebeauftragte in der Pflege. Somit erfüllte die Klinik die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) längst.

"Solche Angaben dürfen nicht in eine Auswertung einfließen, wenn sie aus manchen Krankenhäusern nicht vorliegen", kritisiert Geschäftsführer Steffen Thiele die Berichterstattung in der ARD.

Viele besorgte Anrufer

In den vergangenen Tagen hätten sich bei ihm und den Mitarbeitern mehrere verunsicherte Anrufer erkundigt, ob an den Berichten etwas dran sei. "Natürlich nicht", habe er ihnen gesagt und erklärt: "Kein Krankenhaus in Deutschland kann es sich leisten, den Hygiene-Empfehlungen des RKI nicht zu entsprechen. Das wäre doch ein unheimlich schlechtes Aushängeschild für die Klinik. Die Patienten würden fernbleiben", pflichtet er anderen betroffenen Häusern bei.

Der Qualitätsbericht des GBA für das Jahr 2014 wurde 2016 veröffentlicht. Somit liegen zwischen der Erhebung der Daten und ihrer Veröffentlichung zwei Jahre. Der Bericht enthält dennoch die aktuellsten vorliegenden Daten zum Hygienepersonal in deutschen Krankenhäusern. Er soll für die Patienten Transparenz und Vergleichbarkeit schaffen. Ob dieses Ziel mit zwei Jahre alten Daten tatsächlich erreicht wird, stellen Experten infrage. Eine Sprecherin des gemeinsamen Bundesausschusses erklärt diesen Zeitraum mit der Auswertung und Bearbeitung des umfangreichen Datenmaterials. Außerdem hätten die Krankenhäuser noch eine gewisse Zeit nach dem Versenden der digitalen Unterlagen die Möglichkeit, ihre Angaben zu korrigieren. Der nächste Bericht über das Jahr 2015 erscheint Ende Januar 2017. Darin sind die Angaben zum Hygienepersonal nun verpflichtend.

Zertifizierte Hygienequalität

Der negativen Berichterstattung kann das Kreiskrankenhaus in Weißwasser guten Gewissens ihr nachweislich erfolgreiches Qualitätsmanagement entgegenhalten. Das entsprechende Zertifikat hängt gleich im Eingangsbereich der Klinik. So unterzieht sich das Krankenhaus freiwillig einer jährlichen Überprüfung, bei der unter anderem die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen, die medizinische Ausstattung und die Hygieneanforderungen eine Rolle spielen.

Strenge Kontrollen

Bei unangekündigten Kontrollen des Gesundheitsamtes und der Krankenkassen muss Hygienefachkraft Valeriya Poetschke außerdem in Berichten und Statistiken nachweisen, dass alle Mitarbeiter die gesetzlichen Hygienebestimmungen einhalten und regelmäßig geschult werden. Immerhin gehören 15 Prozent des Pflegepersonals in Weißwasser zu den Hygienebauftragten des Hauses.

Inzwischen haben Correctiv und das ARD-Magazin "Plusminus" die umstrittene Grafik, die die Einhaltung der Hygieneempfehlungen in den Krankenhäusern zeigen sollte, gelöscht. Man könne im Einzelfall nicht nachprüfen, ob die im Qualitätsbericht veröffentlichten Daten falsch oder unvollständig seien, so die Begründung auf der Internetseite.

Zum Thema:
Das Robert-Koch-Institut in Berlin ist dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt. Es berät die Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -vorbeugung. Zu den Kernaufgaben zählt auch die Erforschung von Infektionskrankheiten. In den Empfehlungen aus dem Jahr 2009 heißt es, jedes Krankenhaus in Deutschland sollte mindestens einen hygienebeauftragten Arzt, einen hygienebeauftragten Pfleger und eine Hygienefachkraft berufen. Kliniken mit mehr als 400 Betten sollten zudem durch einen Krankenhaushygieniker beraten werden.