Von heute an erstellt der Weltklimarat in Valencia aus den zunächst rund 15 000 Reportseiten eine etwa zehnseitige Zusammenfassung für die Politiker. Diese können auf dieser Basis im Dezember auf der Klimakonferenz von Bali entscheiden, wie sie den weiteren Anstieg der Temperatur begrenzen wollen. Der jüngst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete und damit moralisch gestärkte Weltklimarat IPCC wird die Zusammenfassung mit den politischen Delegationen eine Woche lang verhandeln.
Die 2500 ehrenamtlich arbeitenden Wissenschaftler des IPCC forschen zwar unabhängig von Regierungen, ihre Resultate müssen aber von den politischen Delegationen der Mitgliedsländer abgesegnet werden. "Daher wird um viele Sätze und einzelne Wörter gefeilscht und gestritten", erklärt Professor Olav Hohmeyer von der Universität Kiel. Er ist einer der Vize-Chefs der IPCC-Arbeitsgruppe III. Diese befasst sich damit, wie der Mensch den Klimawandel bremsen kann - oder wie er lernt, sich darauf einzustellen.
Der Zwang zur Einigung berge zwar die Gefahr, dass der Text in seiner Schärfe abgemildert wird, sagt der Klimaforscher. "Aber das ist der Preis dafür, dass der Bericht anschließend Konsens ist. Und daraus ergibt sich seine Bedeutung für Bali." Denn: "Jedes Statement, das im Konsens von allen Regierungen der Welt akzeptiert wird, ist im Prinzip unumstößlich."

Handlungsdruck erzeugen
Bisherige Zusammenfassungen des Klimareports - eine für jeden der drei Teilberichte - seien aus fachlicher Sicht der jeweiligen Gruppen verfasst, erklärt Hohmeyer. In Valencia soll das Gesamtbild zusammengefügt werden. "Regierungen, die möglichst wenig für den Klimawandel tun möchten, scheuen Syntheseberichte wie der Teufel das Weihwasser", sagt der in Verhandlungen geübte Forscher. "Die Amerikaner und die Saudis wollten einen Synthesebericht ganz verhindern." Dieser werde die Dringlichkeit des Handelns klar machen - egal, wie weichgespült er ist. "Und wenn das auf zehn Seiten konzentriert ist, kann niemand sagen, er habe keine Zeit, es zu lesen. Die Nachrichten sind so einfach, dass ein Handlungsdruck erzeugt wird", sagt Hohmeyer.
Der Report greift auf Daten bis etwa Mitte 2006 zurück. Daher ist etwa der im Oktober 2006 veröffentlichte und viel beachtete Bericht des Ökonomen Nikolaus Stern nicht enthalten. Der sagt, kurz gefasst, das es billiger ist, den Klimawandel jetzt zu bremsen statt in Jahrzehnten seine Folgen zu bezahlen.

Meeresspiegel steigt schneller
Auch viele weitere Daten seien inzwischen noch dazugekommen. Der Meeresspiegel steige voraussichtlich schneller als im Bericht erwartet, sagt Singer. Die seinerzeit veranschlagten 20 bis 60 Zentimeter erscheinen - etwa nach neueren Untersuchungen von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung - als zu niedrig. Auch gebe es neues Wissen über Rückkopplungen: Wenn mehr (weißes) Polareis schmilzt, wird weniger Sonnenlicht reflektiert. Es erhitzt das (dunklere) Wasser stärker und lässt wiederum mehr Eis schmelzen.
Viele Forscher und der WWF halten daher unter anderem sogar einen Anstieg des Meeresspiegels um 1,40 Meter in diesem Jahrhundert für möglich. "Was der IPCC präsentiert, ist der Konsensus am konservativen Ende. Die neue Literatur, die nicht ausgewertet werden konnte, ist dramatischer", sagt Singer.