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| 01:37 Uhr

Klaus Wowereit auf Brautschau

Berlin. Die Berliner SPD kann nach ihrem Wahlsieg mal wieder wählen, mit wem sie bis 2016 die Hauptstadt regieren will. Ob das Pendel zu den Grünen – wie allgemein angenommen – oder doch zur CDU ausschlägt, sollen die Sondierungen erweisen. Von Werner Kolhoff

Zwar befanden sich die Sozialdemokraten nach der als gewonnen empfunden Berlin-Wahl am Montag in Hochstimmung, doch hängten sie Spekulationen über eine baldige Regierungsübernahme im Bund niedrig. Als der Beifall in der Parteizentrale für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit nicht enden wollte, sagte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel: „Klatscht ruhig weiter, wir müssen noch bis Mai 2012 warten, bis wir wieder so feiern können.“ Dann sind Landtagswahlen in Schleswig-Holstein.

Man rechnet bei der SPD also offenbar nicht mit einem vorzeitigen Ende der schwarz-gelben Koalition – mit der Einschränkung, dass die ihren Euro-Streit in den Griff bekommen müsse. Merkel müsse jetzt Klarheit schaffen, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. „Entweder sie ruft CSU und FDP zur Räson, oder sie muss die Vertrauensfrage stellen.“ Letzteres aber wird die Kanzlerin nicht tun, wie sie ein paar Kilometer weiter in der CDU-Parteizentrale kundtat. Es gehe bei der Euro-Abstimmung in der nächsten Woche nicht um die Kanzlermehrheit, sondern nur darum mehr Stimmen zu haben, als die Opposition auf die Waage bringt. Und da sei sie sehr zuversichtlich. Im Übrigen werde das Regieren durch das Wahlergebnis vom Sonntag nicht schwieriger, meinte die Kanzlerin. Allenfalls in dem Halbsatz, dass jeder seine Verantwortung kenne, schwang so etwas wie eine Mahnung zur Disziplin mit.

Gabriel wirkte sehr aufgekratzt über die Reihe der Landtagswahlerfolge dieses Jahres. Doch bekam er dafür von Wowereit auf der offenen Bühne des Willy-Brandt-Hauses eine Art Rechnung präsentiert. Von der Bundesebene seien keine Irritationen gekommen, sondern Rückenwind, lobte der Berliner. „Das war ja nicht immer so.“

Der Rathauschef der Hauptstadt ließ offen, mit wem er nun eine Koalition eingehen will. Der Koalitionspoker in Berlin ist eröffnet. Berlins Regierender Bürgermeister kann zum dritten Mal auf Brautschau gehen. Doch die Optionen, die der 57-Jährige Koalitionsfuchs so schätzt, sind nicht so üppig ausgefallen wie erhofft. Der langjährige und bewährte Partner Linke bleibt außen vor. Rot-Rot haben die Berliner nach fast zehn Jahren abgewählt. Das liegt nicht nur an der seit Langem schwächelnden Linke. Am Ende des Wahlsonntags sind die Verluste der führenden Sozialdemokraten mit minus 2,5 Punkten größer als die der Linken mit minus 1,7 Punkten. So muss der SPD-Regierungschef nun eine Entscheidung für eine Zweckehe treffen. Denn Herzenspartner sind weder Grüne noch CDU für Wowereit. Für ihn und die SPD müssen auch das Vertrauen und die persönliche Chemie in der Spitzencrew stimmen. Das hat mit den Linken immer gut geklappt. Die Grünen kann Wowereit „im Kollektiv“ wegen ihrer oft dogmatisch vorgetragenen Gutmensch-Positionen nur schwer ertragen. Zudem gelten manche direkt wiedergewählten Abgeordneten nicht gerade als besonders verlässlich, wenn es um unpopuläre Entscheidungen ginge. Im Zweifelsfall fühlten sie sich eher ihrer Basis als dem Koalitionsvertrag verpflichtet, argwöhnt die SPD-Spitze. Sondierungsgespräche sollen trotzdem mit den Grünen und mit der CDU geführt werden. Es müsse in den kommenden Jahren darum gehen, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt voranzubringen. Kleine Korrekturen, hier und da „ein Biotop zu schaffen“, das reiche nicht aus. Außerdem müsse die künftige Koalition auch „Stabilität“ haben. Nach dem vorläufigen Endergebnis hätte Rot-Grün nur 78 der 152 Sitze im Berliner Abgeordnetenhaus, einen mehr als die absolute Mehrheit. Rot-Schwarz aber käme auf eine deutliche Mehrheit von 87 Sitzen. Unions-Spitzenkandidat Frank Henkel lockend: „Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.“

Das sind natürlich auch die Grünen. „Wir bringen die Stimmen über den Durst für rot-grüne Verhandlungen“, sagt Renate Künast mit Blick auf die Zuwächse ihrer Partei bei gleichzeitigen Verlusten für die Genossen. Daher sei man auch „kein Ersatz für die Linke“ und lasse sich nicht mit Brosamen abspeisen. „Wir haben geliefert“, zeigte sich Künast stolz.