Es waren dramatische Szenen bei einem vorweihnachtlichen Empfang nach der letzten Plenarsitzung des Jahres: SPD-Fraktionschef Klaus Ness feiert mit seinen Kollegen am Donnerstagabend im Brandenburger Landtag den Abschluss des politischen Jahres, dann wird ihm unwohl, er zieht sich zurück. Wenig später stürmt die Grünen-Abgeordnete Ursula Nonnemacher gemeinsam mit dem CDU-Kollegen Michael Schierack in einen angrenzenden Tagungsraum. Nonnemacher ist Notärztin und Schierack ebenfalls Mediziner. Ness hat einen Kollaps erlitten, bis zum Eintreffen des Notarztes leisten die beiden Politiker Erste Hilfe.

Vor der Tür bangen SPD-Landeschef und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und die Fraktionskollegen um das Leben des langjährigen Weggefährten. Drinnen kämpft der Notarzt um das Leben von Ness, der reanimiert werden muss. Nach Berichten von Augenzeugen erlitt er einen Herzinfarkt. Schließlich wird er in ein Potsdamer Krankenhaus gebracht, wo er in der Nacht stirbt.

Die Brandenburger SPD verliert mit Ness ihren erfahrensten Strategen. Der gebürtige Niedersachse war bereits mit 15 Jahren in die Partei eingetreten und kam 1991 nach Brandenburg. Lange Jahre war er Geschäftsführer des Landesverbands und stieg 2006 zum Generalsekretär auf. In der Ära von Regierungschef Matthias Platzeck wurde er damit zum entscheidenden Strippenzieher, der nach der Landtagswahl 2009 den Wechsel von der Koalition mit der CDU zur rot-roten Regierung mit den Linken einfädelte. Als Platzeck im Sommer 2013 sein Amt nach einem Schlaganfall niederlegte, übernahm Ness den Vorsitz der SPD-Fraktion im Parlament.

Dort sorgte Ness als unnachgiebiger Zuchtmeister für die notwendigen Mehrheiten, auch beim teils widerstrebenden Koalitionspartner. Mit dem wachsenden Zustrom von Flüchtlingen wurde der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus sein Hauptthema. Schon vor dem Einzug der AfD in den Landtag im Herbst 2014 warnte er vor der Partei unter Alexander Gauland als Wegbereiterin des Rechtspopulismus, „die nach rechtsaußen nicht ganz dicht“ sei.

Im Parlament teilte der scharfzüngige Redner auch gerne gegen die CDU-Opposition aus. Sie galt ihm nach jahrelangen parteiinternen Querelen als regierungsunfähig. Lange vor der Landtagswahl im vergangenen Herbst setzte er den damaligen CDU-Chef Schierack unter Druck, eine Koalition mit der AfD auszuschließen.

Sein Ton gegenüber Gauland, mit dem er jahrelang in einem Literatur- Salon der Friedrich-Ebert-Stiftung den Diskurs gepflegt hatte, verschärfte sich zusehends. Nach den Anschlägen auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris nannte Ness Gauland einen Aufwiegler. „Millionen unschuldiger und rechtschaffener Muslime in Deutschland durch die Hintertür zu Komplizen von Terroristen zu erklären - das grenzt tatsächlich an Volksverhetzung“, sagte Ness. Der Brandenburger AfD-Chef hatte erklärt, die Anschläge verliehen den Forderungen der Pegida-Bewegung Gewicht.

Ness sorgte mit dafür, dass AfD-Abgeordnete mit einer Vergangenheit in rechten Parteien und Organisationen keinen Sitz in dem parlamentarischen Gremium zur Kontrolle des Verfassungsschutzes erhielten. Und er setzte den Forderungen der Partei zu einer Begrenzung des Flüchtlingsstroms sein Engagement für die Integration der Menschen in Brandenburg entgegen.

So scharf er oft mit seinen Reden im Parlament auftrat, so verbindlich zeigte er sich im persönlichen Umgang mit Bürgern. „Wer Ness näher kannte, wusste, dass sich hinter der rauen Schale, die er in der politischen Arena zeigte, ein sehr gebildeter, feinsinniger und nachdenklicher Mensch verbarg“, sagte auch sein Parteigenosse, Landesinnenminister Karl-Heinz Schröter, am Freitag.

Der Niedersachse hatte die Eigenarten der Brandenburger kennen - und schätzen gelernt. Hier hatte er auch seine aus der Lausitz stammende Ehefrau Martina Gregor-Ness kennengelernt, die von 1994 bis 2014 im Potsdamer Landtag saß. „Brandenburger sind hochsensibel, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen eine Meinung von oben quasi übergeholfen werden soll“, schrieb Ness in einem gemeinsamen Aufsatz mit seiner Frau über seine ersten 20 Jahre im ostdeutschen Bundesland. „Oder anders ausgedrückt: Belehrung kommt gegen den Brandenburger Eigensinn nicht an.“