September 1957 eröffnete er im thüringischen Sonneberg nicht nur den neuen Jahrgang der Jugendweihe für die 14-Jährigen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zugleich gab der erste Mann des Staates vor 50 Jahren den Startschuss für eine weitere Runde massiver Attacken gegen die Kirchen in der DDR.
Deren Erfolge in der Jugendarbeit waren der SED beim "Aufbau des Sozialismus" längst ein Dorn im Auge. "Es ist für jeden bereits offensichtlich geworden, dass die ,Junge Gemeinde‘ unter der Maske der Religion im Auftrag Westberliner Terror- und Spionagezentralen die Einheit der Jugend zu spalten versucht", schrieb etwa die FDJ-Zeitung "Junge Welt" am 10. April 1953.

Öffentlich am Pranger
Bis zum Stopp der Attacken nach einem Beschluss aus Moskau einige Wochen später wurden 70 Theologen und Jugendleiter sowie zahlreiche Jugendliche verhaftet. 3000 Schüler und 2000 Studenten flogen von Schulen und Universitäten. Wer sich nicht lossagte, wurde öffentlich angeprangert.
Im Jahr darauf beschloss die SED zur "Verstärkung der staatsbürgerlichen Erziehung" die Jugendweihe. Dem ersten Aufruf zur Teilnahme im November 1954 folgten zunächst fast 90 Prozent der damals 14-Jährigen. Nachdem jedoch die Kirchen deutlich auf die Unvereinbarkeit von Jugendweihe und Konfirmation hingewiesen hatten, wollten das staatliche Fest nur noch knapp fünf Prozent feiern. Massive Werbung erreichte schließlich für den ersten Jahrgang im Frühjahr 1955 eine Beteiligung von knapp 18 Prozent. Weil sich die Begeisterung jedoch auch in den nächsten Jahren in Grenzen hielt, half Parteichef Ulbricht persönlich nach. Zwar sei die Jugendweihe "immer mehr zu einem Fest in unserer Republik" geworden, befand er in Sonneberg. Doch nunmehr müssten alle Jugendlichen von der Teilnahme überzeugt werden. Keinen Zweifel ließ Ulbricht daran, dass die Feiern ein Bekenntnis zum sozialistischen Staat sein sollten: "Das Gelöbnis, das ihr in einigen Monaten bei eurer Jugendweihe sprechen werdet, ist kein leeres Wort", machte er den Jugendlichen deutlich.

Kirche setzt sich zur Wehr
Die Kirchen reagierten umgehend und energisch. In einem Schreiben an Ministerpräsident Otto Grotewohl kritisierten sie die mittlerweile betont atheistische Ausrichtung der Feiern. "Wir müssen feststellen, dass nun durch amtliche Stellen der DDR der Kampf gegen Überzeugungen und Einrichtungen der Kirche aufgenommen worden ist", hieß es in dem Schreiben.
Doch der Siegeszug des staatlichen Rituals war nicht aufzuhalten. Wer sich der Jugendweihe verweigerte, riskierte zudem Nachteile für Schule und Studium. Ende der 80er-Jahre legten fast 98 Prozent der entsprechenden Jahrgänge das Gelöbnis auf die DDR und ihre Politik ab. Die Jugendweihe war trotz ihres politischen Anliegens als Familienfest etabliert - und akzeptiert. Gleichzeitig wurden die kirchlichen Angebote zusehends marginalisiert.
Nach Einschätzung des Soziologen Detlef Pollack von der Universität Frankfurt an der Oder gehörten die Jugendweihen in der DDR zur "politisch betriebenen Mobilisierung der Gesellschaft". Der damit verbundene Traditions- und Kulturabbruch habe "die Kirchen in ihrem Mark" getroffen. Dagegen findet die inzwischen von Vereinen und ohne Agitprop angebotene Jugendweihe selbst 17 Jahre nach der deutschen Vereinigung weiter großen Zulauf. Nach einem Einbruch liegt die Teilnahme im Osten wieder zwischen 60 und 70 Prozent pro Jahrgang.
Davon sind die ostdeutschen Kirchen bei ihren Konfirmandenzahlen weit entfernt. Ein "rasanter Durchbruch" sei nicht erkennbar, beschreibt Oberkirchenrat Thies Gundlach von der Evangelischen Kirche in Deutschland die Entwicklung. Die größte Schwierigkeit im Osten sei "ein relativ tiefer Graben" zu Menschen, die über Generationen ohne kirchlichen Kontakt groß geworden sind, fügt er hinzu.