Stephan Lübke hat einen ganzen Ordner voll von Gesprächsprotokollen der Kontaktstelle Kirche in der Leipziger Nikolaikirche. Er koordiniert das neue Projekt der Landeskirche Sachsen, das seit 31. Oktober vergangenen Jahres in Leipzig, Dresden und Chemnitz existiert. Es soll helfen, Kirche nach außen zu öffnen und Berührungsängste mit dem Christentum abzubauen.

Hauptgrund ist Abwanderung
Landesweit sinken nämlich die Mitgliederzahlen. "Wir wollen mit den Kontaktstellen Ansprechpartner für alle Menschen sein, besonders für solche, die selten eine Kirche von innen sehen", sagt Pressesprecher Matthias Oelke. Hauptsächlich ginge es darum, das Interesse an Kirche zu wecken. "Insgesamt verlieren wir pro Jahr 20 0000 bis 25 000 Mitglieder", sagt Oelke. Grund sei nicht mehr, wie in den 90er-Jahren, die hohe Austrittsquote: "Unsere Gemeindemitgliederzahlen sinken wegen der Abwanderung und dem allgemeinen negativen Bevölkerungswachstum", sagt der Pressesprecher. Insgesamt sind in Sachsen 916 000 Menschen Mitglied einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Die Kirchenprovinz Sachsen im Bundesland Sachsen-Anhalt hat zwischen den Jahren 2000 und 2001 rund 11 200 Mitglieder verloren, die evangelische Landeskirche Anhalt schrumpft jährlich um etwa 1000 Mitglieder.
Der Landeskirche Berlin-Brandenburg gehören nach eigenen Angaben 1,26 Millionen Menschen an. Ob es auch hier, wie in Sachsen, einen solch erheblichen Mitgliederschwund gibt, war gestern bei der Landeskirchenleitung nicht zu erfahren. Die Kirchen in der Lausitz mit den Kirchenkreisen Cottbus, Lübben, Senftenberg und Spremberg sowie Finsterwalde jedenfalls sind zahlenmäßig kleiner geworden. Die Kirchengemeinden verloren seit 1997 über 7700 Mitglieder. Heute zählen sie nur noch rund 96 200 Mitglieder. „Die Probleme der Gesamtgesellschaft widerspiegeln sich auch in der Kirche“ , sagt der Cottbuser Superintendent Matthias Blume. Menschen, die wegen fehlender Arbeit die Region verlassen, seien auch für die hiesige Kirche verloren. Die Zahl der Austritte halte sich in Grenzen, allerdings sei die Zahl der Taufen nach wie vor geringer als die der Beisetzungen. „Wir müssen diese Tendenzen ernst nehmen und auswerten“ , so Matthias Blume. Kirche müsse es den Menschen leichter machen, mit ihr klar zu kommen. Neues zu versuchen, beispielsweise mit der Kirchenmusik. Sie sei ein Mittel, die Schwelle für den Gang in die Kirche gering zu halten. Viel besser müsse es gelingen, in Gottesdiensten und in der Gemeindearbeit die alten Lieder und Texte neu zum Sprechen zu bringen in Geschichten des heutigen Lebens, des guten Ausgangs, um die Menschen zu erreichen, so Superintendent Blume.
Der Cottbuser Pfarrer Christoph Polster verweist auf ganzjährige Themenangebote in seiner Oberkirche „St. Nikolai“ . So seien für 2003 allein zum Jahr der Bibel 60 Veranstaltungen geplant. Sieben Chöre erfreuten sich wachsender Beliebtheit. „Bei Musik kommen die Leute in die Kirche“ , ist eine seiner Erfahrungen.
Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass hier die kirchliche Sozialisation nicht so selbstverständlich ist wie im Westen", sagt Stephan Lübke von der Landeskirche Sachsen. Die DDR-Regierung habe in der Vergangenheit Kirchenaustritte gezielt gefördert. "Nach der Wende sind viele Menschen ausgetreten, die vorher zwar Mitglied, aber nicht aktiv waren", ergänzt Pressesprecher Matthias Oelke. Sie hätten die Kirchensteuer nicht zahlen wollen.

Trend kehrt sich um
Doch der Trend kehrt sich um: Seit den vergangenen zwei Jahren gibt es mehr Taufen als Austritte, weiß Oelke. "Insgesamt fallen die Mitgliederzahlen jedoch weiter", sagt er. Die Idee ist in Leipzig nicht neu. "Bei uns gibt es die offene Kirche schon seit 1981", sagt Pfarrer Christian Führer, Leiter der Kontaktstelle. In der Gemeinde St. Nikolai-St. Jo- hannis sei sie nur Teil eines umfassenden Angebots wie das Café der Begegnungen oder Glaubensseminare. Gegen den Landestrend steigen dort die Mitgliederzahlen. "Die Menschen, die zu uns kommen, sind so bunt, wie man es sich nur vorstellen kann", sagt Führer. Teilweise kämen Touristen ins Café, die sich allgemein über die Nikolaikirche informieren wollten, teilweise sozial Schwache, die nur etwas trinken wollten und Wärme suchten. Für ernstere Gespräche stehe die Sakristei zur Verfügung. Das Hauptanliegen sei erst einmal, überhaupt bekannt zu werden. "Die wichtigste Sache bei uns in Leipzig ist die offene Kirche, dass müssen die anderen noch einführen", so Pfarrer Führer.