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Kirchen der Region droht der Verfall

Sanierung beginnt. Die Dorfkirche in Arnsnesta bei Herzberg wird in diesem Jahr noch mit Geld aus dem Förderprogramm „Dach und Fach“ instandgesetzt. Im nächsten Jahr soll das Programm wegfallen.
Sanierung beginnt. Die Dorfkirche in Arnsnesta bei Herzberg wird in diesem Jahr noch mit Geld aus dem Förderprogramm „Dach und Fach“ instandgesetzt. Im nächsten Jahr soll das Programm wegfallen. FOTO: Foto: Gückel
Bröckelnde Fachwerkbauten, undichte Dächer, einsturzgefährdete Türme. Der Sanierungsbedarf an Kirchen in der Region ist groß. Rettungsanker für manches Gotteshaus war bisher ein Förderprogramm speziell für die Sicherung und Erhaltung von Baudenkmalen im Osten. Der Bund will sich nun aus Geldmangel zum Jahresende ersatzlos von dieser Förderung verabschieden. Die Auswirkungen wären gerade für Dorfkirchen gravierend, wie die Situation im Elbe-Elster-Land beispielhaft zeigt. Von Simone Wendler

Die Dorfkirche von Arnsnesta ist der älteste sakrale Fachwerkbau in der Gegend um Herzberg im Elbe-Elster-Kreis. Doch das vermutlich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts errichtete Gebäude braucht dringend Hilfe. Die Deckenbalken und die Schwelle sind morsch. Der Bau hat angefangen, sich zu setzen. Als Folge davon haben sich schon einige Teile des Fachwerks aus der Wand gelöst. Jetzt ist jedoch Rettung nah.
Im August werden die Aufträge für die Sanierung der Fachwerkwände erteilt. Ermöglicht wird das durch das „Denkmalschutz-Sonderprogramm Dach und Fach“ , das es im nächsten Jahr allerdings nicht mehr geben wird, wenn die Bundesregierung an ihren geplanten Kürzungen im Bereich Denkmalsicherung-Ost festhält.
Der zuständige Pfarrer Volker Homa hofft, dass die Außeninstandsetzung der Kirche in Arnsnesta in diesem Jahr auch fertig wird. Das Dach wurde bereits vor einigen Jahren repariert. Wie es jedoch im Inneren des kleinen Gotteshauses weitergeht, weiß er noch nicht: „Das hängt alles vom Geld ab.“ Notwendig wäre längst auch eine Instandsetzung im Inneren. Von der Empore blättert großflächig die Bemalung ab. Bisher ist nur eine kleinflächige Untersuchung erfolgt, wie man die Farbschäden fachgerecht beseitigen könnte.

1600 Gläubige und zehn Kirchen
Doch schon die Außensanierung kam in Arnsnesta nur durch Hilfe von mehreren Seiten zustande. Zu 50 000 Euro aus dem Dach-und-Fach-Programm, jeweils zur Hälfte finanziert von Bund und Land, kommen 20 000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und 10 000 Euro Eigenmittel der Kirche, ein Teil davon als Eigenleistungen der Dorfbewohner. „Alleine aus eigener Kraft können wir das jedoch nicht annähernd leisten“ , versichert Pfarrer Volker Homa. Zu seinem Pfarramt Schönwalde, das zur Kirchenprovinz Sachsen mit Sitz in Magdeburg gehört, zählen nur 1600 Gläubige aber zehn Kirchen, darunter der Fachwerkbau in Arnsnesta.
An den meisten dieser zehn Gotteshäuser müsste trotz bereits geleisteter Instandsetzungen noch viel getan werden. In der Kirche von Dubrau, zählt Pfarrer Homa auf, müsste das Dach hergerichtet werden, auch in der Jessnicker Kirche ist der Dachstuhl morsch. Das Bernsdorfer Gotteshaus braucht neue Bleiglasfenster und in Ahlsdorf müsste der barocke Putz ausgebessert werden. Wenn die jetzt von der Bundesregierung geplante Kürzung der „Förderprogramme Kultur in den neuen Ländern“ umgesetzt wird, sieht Pfarrer Volker Homa kaum Chancen, aus anderen Töpfen Geld zu bekommen. „Das wird dann wie zu DDR-Zeiten, es bleibt liegen“ , sagt er.

Stiftung Denkmalschutz hilft
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz könne auch nicht mehr Geld aufbringen für die ostdeutschen Kirchen. „Die tun schon, was sie können“ , bescheinigt Homa der Stiftung. Vielfach werden durch diese Zuwendungen erst die nötigen Eigenmittel zusammengebracht, um die Förderung bekommen zu können. Die Stiftung half beispielsweise bei Kirchensanierungen in Luckau, Calau, Lieberose und im sächsischen Uhyst, sowie seit mehreren Jahren bei der Instandsetzung der Klosterkirche in Doberlug-Kirchhain.
Auch in einer neuen Nutzung von Kirchenbauten, sieht Volker Homa für sein Pfarramt keine Lösung. In allen zehn Kirchen würden, wenn auch nicht überall jede Woche, noch Gottesdienste abgehalten. Außerdem zweifelt er daran, dass es für die meisten Gebäude überhaupt einen Interessenten geben würde. „Konzerte veranstalten wir ja schon selbst“ , sagt Homa.
Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg hatte ebenso wie die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger der Bundesrepublik von wenigen Tagen in einem offenen Brief an Kultur-Staatsministerin Christina Weiss, vor den Folgen der geplanten Förderstreichungen im kirchlichen Bereich gewarnt. Allein in Brandenburg könnten dann im kommenden Jahr dringend nötige Bausicherungen an 40 sakralen Gebäuden nicht finanziert werden.
Im Kirchenkreis Bad Liebenwerda würde die vorgesehene Streichung beispielsweise die für nächstes Jahr geplante Turmsanierung der Dorfkirche Körba und wichtige Arbeiten an der Kirche in Schöna-Kolpin unmöglich machen. Zuständig für die Kirchenkreise Bad Liebenwerda, sowie Torgau-Delitzsch in Sachsen ist Baupfleger Frank Stiehler. „Gerade das Programm Dach und Fach ist das einzige, was noch richtig läuft“ , versichert er, „da kommen wir mit unseren Dorfkirchen noch gut hinein.“ Der Verlust des Förderprogramms würde die Region deshalb sehr treffen. Dabei, so Stiehler, habe der Elbe-Elster-Kreis für seine Dorfkirchen schon außergewöhnlich viel über die Finanzmittel aus dem Gemeindefinanzierungsgesetz getan.

Kirche als Identifikationsort
Allein für diesen Finanzierungstopf will das Kirchenbauamt im Elbe-Elster-Kreis für nächstes Jahr 25 Objekte einreichen. Das zeige, so Stiehler, wie groß der Sanierungsbedarf bei Kirchen gerade im ländlichen Raum noch immer sei. Dabei ginge es meistens um Substanzsicherungen, nicht um Schönheitsreparaturen. „Wir sind noch lange nicht über den Berg“ , warnt Stiehler. In Sachsen seien die Förderstrukturen zwar etwas anders als in Brandenburg, die Probleme mit der notwendigen Finanzierung der Kirchensanierung letztlich jedoch die selben.
Dabei, so der kirchliche Baupfleger im Elbe-Elster-Land, spielten die Kirchen eine außerordentliche Rolle bei der Identifikation der Dorfbewohner mit ihrem Ort. „Fragen sie mal, wer auf seinen Kirchturm verzichten will: Keiner“ , versichert Stiehler, „auch nicht die Leute, die nie zum Gottesdienst gehen.“ Mit einer einfachen Zahl belegt er außerdem, wie wichtig die Kirchensanierung als Auftraggeber gerade für kleine und mittelständische Betriebe ist.
1,5 Millionen Euro würden allein im Kirchenkreis Bad Liebenwerda in diesem Jahr verbaut. Firmen aus der Region hätten sich inzwischen auch auf solche Arbeiten spezialisiert und seien zu wichtigen Partnern des Kirchenbauamtes geworden. „Wenn die Förderung jetzt drastisch gekürzt wird, nehmen wir denen die Arbeit, das kann für einige an die Existenz gehen“ , warnt Stiehler.

Viele Kirchen älter als 500 Jahre
Im September, so kündigt Stiehler an, wollen sich deshalb Landesdenkmalpflege, Kirchliches Bauamt und das Brandenburgische Kulturministerium noch mal zusammensetzen, um die geplante Streichung der gerade für Kirchen so wichtigen Förderung doch noch abzuwenden. In Brandenburg gibt es allein 1600 Kirchen, 1300 davon in Dörfern. Ebenfalls 1600 evangelische Kirchen gibt es insgesamt in Sachsen. Jede zehnte davon gilt von ihrem Bauzustand her als „Sorgenkind“ . In Sachsen-Anhalt werden etwa 2300 evangelische Gotteshäuser gezählt, mehr als die Hälfte davon sind älter als 500 Jahre.