Der Evangelische Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz zieht sich von Görlitz über Bad Muskau bis hin nach Lindenau und Ortrand, Seit 2007 steht Thomas Koppehl dem Kirchenkreis vor. Mit der RUNDSCHAU spricht er darüber, wie seine Kirche sich den Herausforderungen durch rechte Populisten stellt.

Herr Koppehl, in einer Ihrer Gemeinden hat eine Pfarrerin vor einigen Wochen im Einvernehmen mit Ihnen beschlossen, ihre pfarramtlichen Dienste  für Lindenau, Tettau und Schraden für ein Jahr ruhen zu lassen – nach offenbar heftigen Auseinandersetzungen mit dem dortigen Gemeindekirchenrat. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dieser Entscheidung und der klaren Haltung, die die Pfarrerin immer wieder gegen einen ortsansässigen Neonazi gezeigt hat?

Koppehl Der Konflikt hat sich aus einem persönlichen Zerwürfnis zwischen der Pfarrerin und dem Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates entwickelt, bei dem es um interne Fragen der Kommunikation und Leitungsverantwortung in der Gemeinde ging. Deshalb möchte ich dazu öffentlich nichts sagen.

Seit einigen Jahren wird in unserer Grundordnung empfohlen, dass ein Gemeindeglied vor Ort den Vorsitz im Gemeindekirchenrat führt. Dadurch gibt es immer eine zweifache Leitung der Gemeinde. Wenn dann die Absprachen zwischen beiden nicht klappen, kann es zu schwierigen Problemen kommen. Beide Leitungspositionen müssen aber  gut ineinander greifen.

In Lindenau haben zwei Menschen trotz einer ganzen ‚Reihe von unterstützenden Maßnahmen nicht zueinander gefunden. Daraus hat sich ein lang anhaltender Konflikt entwickelt, der seinen Resonanzboden sicher in den speziellen Gegebenheiten vor Ort findet, sich aber nicht daran entzündet hat.

Durch die einvernehmliche, befristete Umstrukturierung haben wir ein Jahr Zeit gewonnen, um gangbare Wege für den künftige Gestaltung des Dienstes zu finden.

Nun hätte man in einem solchen Konflikt auch zugunsten der Pfarrerin entscheiden können.

Koppehl Ich bin sehr froh, dass wir zunächst zu einer einvernehmlichen Lösung gekommen sind und weiterhin arbeitsfähig bleiben. Disziplinarische Maßnahmen gegenüber der Pfarrerin oder dem Gemeindekirchenrat würden immer ein langwieriges Verfahren der Feststellung konkreter Verantwortlichkeiten voraussetzen. Das hätte für uns alle die Situation so kurz vor dem Weihnachtsfest nur verschlimmert.

Wir haben einen Pfarrer gefunden, der pfarramtliche  Aufgaben in den Kirchengemeinden  Lindenau und Schraden für ein Jahr übernimmt. Im Gegenzug versieht die Pfarrerin einen Dienst in einer anderen Gemeinde. Jetzt haben wir Zeit für Gespräche, auch Kritiker unserer Entscheidung können sich einbringen.

In vielen Regionen Sachsens und Brandenburgs haben rechte Populisten starken Zulauf. Ist es da nicht Aufgabe der Kirche, klare Zeichen zu setzen und die Pfarrer zu unterstützen, die klare Positionen beziehen?

Koppehl Es gibt viele Wege, sich mit der Situation in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Da ist der bunte, laute Protest auf der einen und die eher unspektakuläre Suche nach dem stillen Gespräch auf der anderen Seite. Jede Gemeinde muss ihren Weg finden. Ich finde es toll, wie etwa in Ostritz gegen die Veranstaltungen von Rechtsradikalen protestiert wird.

Aber wir müssen immer darauf achten, dass wir kein Gefühl der Verachtung aussenden an jene, die nicht so handeln. Es muss klar sein, dass derartige Proteste zunächst Zeichenhandlungen sind, die als solche gesellschaftliche Konflikte nicht lösen können. Dafür braucht es das Gespräch, in welchem neue Bereitschaft für Veränderung geweckt wird.

Welchen Weg gehen Sie?

Koppehl Wir haben in unserem Kirchenkreis einen Arbeitskreis gebildet, der sich mit dem Umgang mit Rechtspopulisten beschäftigt. Wir haben zu öffentlichen Gesprächsabenden eingeladen. Dort haben wir auch die Idee entwickelt, dass jeweils eine Gemeinde den anderen eine besondere Fürbitte für den Gottesdienst schickt.

Wenn es vor Ort Probleme mit Integration, mit rechten Strömungen oder Gewalt gibt, so sprechen wir diese in den Fürbitten an und bringen unsere Not gemeinsam vor Gott, ohne jemanden anzuklagen.

Die Landessynode hat beschlossen, dass nachhaltiger Widerspruch gegen die Thesen von Rechtspopulisten Christenpflicht ist.

Koppehl Dort, wo es belegbar und greifbar zu menschenfeindlichen Aussagen oder Taten kommt, müssen wir uns wehren. Aber wir dürfen nicht in die Falle tappen und spiegelbildlich eine Ausgrenzungssituation schaffen. Wir wenden uns beispielsweise nicht gegen eine Partei. Bei einer Überprüfung des Parteiprogramms der AfD in der Landeskirche konnten keine explizit rassistischen Aussagen gefunden werden. Wer sich aber menschenfeindlich äußert, der kann nicht Mitglied im Gemeindekirchenrat sein. Die schwierige Frage bleibt: Wo genau ist da die rote Linie.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach überhaupt in einigen Gemeinden   Rückhalt für rechte Strömungen?

Koppehl Das hat natürlich vielfältigste Ursachen. Wie alle Bereiche der Gesellschaft sind auch wir dem demografischen Wandel unterworfen. Wir werden kleiner, was zu einer Art struktureller Depression führt, die wir überwinden müssen. Wir wollen offen sein für Fremde, zugleich aber zeigen, dass die Politik den Zuzug weise organisieren muss. Eine großzügige Willkommenskultur allein reicht dafür nicht. Besonders im ländlichen Raum spielen Zusammenhalt und Gemeinschaft eine große Rolle. Da finden rechtspopulistische Strömungen leicht Anknüpfungspunkte.

Was haben Sie dem entgegenzusetzen?

Koppehl Dagegen wollen wir bewusst das kirchliche Gemeinschaftsangebot setzen, das gegen eine Kultur der Abgeschlossenheit gerichtet ist und Mut zu Neuem vermittelt.

Wir stehen in der Tradition von Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die für uns Leitfiguren sind. An solchen Christen wollen wir uns orientieren, auch an den Grundgedanken der Bekennenden Kirche. Wir wollen uns erinnern, wie uns der Glaube auch durch die Zeiten des Sozialismus getragen hat. Als Organisation mit einer langen Geschichte vertreten wir menschenfreundliche und offene Positionen, jenseits des debattierten Gegensatzes zwischen politischer Korrektheit und rechtem Populismus.

Mit Thomas Koppehl
sprach Andrea Hilscher