Steffi Miroslau, Chefärztin der Kinderstation des Krankenhauses Eberswalde etwa beobachtet eine seit Jahren stetig steigende Zahl von nach Misshandlungen eingelieferten Kindern. „Ich habe mir von zahlreichen Kollegen bestätigen lassen, dass wir damit nicht die Einzigen sind.“ In der Klinik Hoyerswerda dagegen stellt sich die Situation völlig anders dar. Eine Sprecherin: „Wir haben nur sehr selten mit misshandelten Kindern zu tun.“
Statistiken des Brandenburger Landeskriminalamtes deuten zunächst auf eine Zunahme des Problems. Lag die Zahl der angezeigten Fälle 1998 noch bei 65, verzeichnete das LKA im vergangenen Jahr 96 Fälle misshandelter Kinder bis zum 14. Lebensjahr. In Sachsen wurden 2002 130 Misshandlungen angezeigt, sechs mehr als im Vorjahr. Bundesweit stiegen die registrierten Fälle seit 1993 von 1741 bis 2002 auf 2642.

Daten sagen nicht genug aus
Experten warnen jedoch davor, allein aus dem Datenmaterial auf eine zunehmende Gewaltbereitschaft innerhalb der Familien zu schließen. Katharina Abelmann-Vollmer vom Deutschen Kinderschutzbund: „Die Kriminalstatistiken sind ein unzureichendes Instrument zur Erfassung von Gewalt gegen Kinder. Unsere Erfahrungen zeigen, dass sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität der Gewalt über die Jahre in etwa gleich geblieben sind.“ Zwar habe eine erhöhte Sensibilität der Öffentlichkeit zu einem Anstieg der polizeilich erfassten Delikte geführt, „Studien, die das tatsächliche Ausmaß auch nur annähernd erfassen, gibt es bis heute allerdings nicht.“ Auch Bärbel Cotte-Weiß vom brandenburgischen LKA geht von einer hohen Dunkelziffer aus. „Je enger die Beziehung zwischen Täter und Opfer, umso weniger kommt ans Tageslicht.“
Fachleute von Unicef und Kinderschutzbund gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus: Etwa 15 Prozent aller Kinder in Deutschland werden Opfer von physischer und psychischer Gewalt.
Rund 100 Kinder sterben in Deutschland jährlich an den Folgen solcher Gewalttaten. Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren - nicht alle Eltern sind ausreichend auf den Stress vorbereitet, den ein Neugeborenes in die Familie hineinträgt - Schlafmangel, Versagensängste, die komplette Umstellung des Tagesablaufes treiben Eltern nur allzu leicht an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Unsicherheit herrscht dabei unter Juristen, Medizinern und Sozialarbeitern über die Wege, den überforderten Eltern und den gefährdeten Kindern optimal zu helfen. Doris Scheele, Leiterin des Landesjugendamtes Brandenburg: „Die Familie ist ein verfassungsrechtlich geschützter Raum. Ein Jugendamt hat von sich aus kein Recht, ein Kind aus einer Familie herauszunehmen. Wir können und wollen vor allem Hilfsangebote machen. Den Eltern zeigen, wie sie mit einem Leben zurechtkommen, das wenig mit TV-Idylle zu tun hat.“ Angebote, die auf Freiwilligkeit basieren. Erst wenn es konkrete Hinweise auf Gefahr für Leib und Leben eines Kindes gibt, können die Jugendämter, so Scheele, das Familiengericht einschalten, das Kind aus der Familie herausnehmen.
Seit das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Jahr 2000 gesetzlich verankert wurde, bieten Jugendämter, Kinderschutzbund, Ministerien und Sozialträger verstärkt Kurse und Hilfen an, um potenziell aggressive Eltern zu unterstützen. Studien über den Erfolg dieser Maßnahmen fehlen allerdings.
Brandenburg, das mit der Erarbeitung eines Leitfadens für Ärzte zumindest die medizinisch-diagnostische Erfassung von Kindesmisshandlung erleichtert hat, setzt daher neben der Prävention vermehrt auch auf verbesserte Reaktionen von Justiz, Kinderärzten und Jugendämtern: Lokale Netzwerke sollen im Krisenfall schneller als bisher aktiv werden und Kinder vor Gewalttaten schützen.
Im Klinikum Niederlausitz hat man damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Hendrik Karpinski, Chefarzt der Kinderklinik und engagiert in der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, arbeitet seit zwei Jahren in einer Arbeitsgruppe des Landes gegen häusliche Gewalt.

"Eltern sind keine Monster"
Die Zusammenarbeit mit Juristinnen, Opferberatung, Polizei und Jugendamt baut, so Karpinski, Schwellenängste ab. „Erst durch diese Kontakte wissen die Beteiligten, wer im Notfall für welche Schritte zuständig ist.“ Er selbst geht an seiner Klinik offensiv mit dem Thema um. „Eltern spreche ich ganz direkt darauf an, dass ihr Kind Verletzungen hat, die nicht auf einen bloßen Unfall hindeuten. Mit diesen Gesprächen habe ich gute Erfahrungen gemacht. Die Eltern sind schließlich keine herzlosen Monster, sie schlagen nicht, weil sie es wollen, sie schlagen aus Not.“
Neben einer verbesserten Aus- und Fortbildung für Mediziner hofft er daher auch bei seinen Berufskollegen auf einen offenen Umgang mit dem Thema Kindesmisshandlung. „Die Angst, jemandem solch schwere Vorwürfe zu machen, ist sehr groß. Doch ein Wegsehen nach dem Motto 'Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß' hilft weder den Kindern noch den Eltern.“