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| 01:35 Uhr

Kinderheim in Altdöbern: Zwischen Paradies und Hölle

Das Barockschloss in Altdöbern wird schön gemacht. Aber was geschah hinter den alten Mauern in den Jahren bis 1974? Foto: M. Behnke
Das Barockschloss in Altdöbern wird schön gemacht. Aber was geschah hinter den alten Mauern in den Jahren bis 1974? Foto: M. Behnke FOTO: M. Behnke
Altdöbern. Immer häufiger wird bekannt, was Kinder in Heimen in den 50er- und 60er-Jahren erdulden mussten. Die Erinnerungen daran sind allerdings oft völlig unterschiedlich. Das zeigt sich auch am Beispiel des Caritasheims in Altdöbern (Oberspreewald-Lausitz). Von Simone Wendler

„Ich bin stolz darauf, in diesem Heim aufgewachsen zu sein“, sagt Irene Mädler. „Ich habe dort Toleranz und Wertschätzung erfahren.“ Die heute 71-Jährige war das erste Flüchtlingskind, das im Frühsommer 1946 im Schloss Altdöbern aufgenommen wurde. Katholische Ordensschwestern, die selbst aus Schlesien vertrieben wurden, hatten in dem Herrenhaus ein Kinder- und ein Altenheim eingerichtet.

An dasselbe katholische Kinderheim in Altdöbern erinnert sich Beate Knackmus aus Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) ganz anders: „Mir wurden mit dem Handfeger die Finger blau geschlagen, ich wurde im Keller eingesperrt und bekam als Strafe nichts zu essen.“ Mit drei Jahren war die Lausitzerin 1966 in das Schloss gekommen und etwa acht Jahre geblieben. Wie man sich positiv über diese Einrichtung äußern könne, kann sie nicht nachvollziehen.

Irene Mädler wiederum kann nicht glauben, dass Kinder im Schlosskeller eingesperrt wurden und als Strafe nichts zu essen bekamen. Mit anderen ehemaligen Heimkindern hat sie bis heute Kontakt. Dass aber vielleicht nicht alle im Altdöberner Schloss so glücklich wie sie selbst waren, will sie nicht von der Hand weisen. „Man muss zuhören und sich damit auseinandersetzen.“ Sie selbst weiß von einem anderen Mädchen, das unter die kalte Dusche gestellt wurde, wenn es ins Bett gemacht hatte.

Ein Leserbrief in der RUNDSCHAU hatte dazu geführt, dass verschiedene ehemalige Heimbewohner sich meldeten und ihre ganz unterschiedlichen Erfahrungen schilderten. Für die einen war die Caritas-Einrichtung die Hölle, für die anderen ein kleines Paradies.

Schläge, Einsperren, Nahrungsentzug, Lieblosigkeit, so die Vorwürfe in verschiedenen Briefen. Andere wie Irene Mädler, die heute noch in Altdöbern wohnt, und Andreas Schreiber aus Eisenhüttenstadt (Oder-Spree), loben die Entwicklungsmöglichkeiten und die Fürsorge, die ihnen das Caritasheim boten. „Das Heim war mein Zuhause“, sagt Schreiber. Von 1953 bis 1965 lebte er dort, hielt auch als junger Erwachsener noch engen Kontakt zu der Schwester, die jahrelang für ihn engste Bezugsperson war: „Ich blicke dankbar zurück.“

Die Suche nach der Wahrheit ist schwer, denn Hinweise auf eventuelle Misshandlungen, die nicht von Betroffenen selbst stammen, gibt es nicht.

Das Heim in Trägerschaft der Caritas war 1974 geschlossen worden. Beim Caritasverband in Cottbus gibt es dazu kaum Unterlagen. Hinweise auf Misshandlungen sind hier nie eingetroffen. Hans Geisler ist katholischer Pfarrer in Großräschen (Oberspreewald-Lausitz) und auch für Altdöbern zuständig. Auch ihm sind keine Klagen über das frühere Heim im Schloss zu Ohren gekommen: „Alle in der Gemeinde, die das noch erlebt haben, haben nie Negatives erzählt.“

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte schon im vorigen Jahr ihr tiefes Bedauern darüber ausgedrückt, dass in den 50er- und 60er-Jahren offenbar auch in katholischen Heimen Kindern und Jugendlichen schweres Leid widerfahren sei.

Für Betroffene wurde deshalb eine Hotline eingerichtet.

In den vergangenen zwei Monaten wurden über diesen Anschluss bundesweit etwa 300 Beratungsgespräche geführt. Nicht jeder Anrufer äußerte Vorwürfe. „Es rufen auch Leute mit positiven Berichten an“, sagt Nina Schmedding, stellvertretende Pressesprecherin des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz.

Zu Altdöbern ging bisher auf der Hotline nur der Anruf von Sybille Chreszinski aus Finsterwalde (Elbe-Elster) ein. Als Vierjährige war sie für drei Monate in dem Caritasheim, weil ihre Mutter erkrankt war, der Vater arbeiten musste. Eine „Erzieherin“ habe sie gekniffen, bis sie grün und blau war, so die Finsterwalderin. Sie habe auch gegen ihren Willen essen müssen. Als ihr Vater sich beschwerte, hätten die Ordensschwestern sie jedoch in ihre Obhut genommen: „Das war dann in Ordnung.“

Beate Knackmus aus Senftenberg, die mit ihrem Aufenthalt im Caritasheim Altdöbern nur schlimme Erinnerungen verbindet, hat als Erwachsene ihren Weg ins Leben gefunden. Sie arbeitet, ist Mutter von drei Kindern und denkt nicht oft an die Zeit im Schloss zurück: „Das ist inzwischen lange her, ich habe damit abgeschlossen.“