In Deutschland wurden im März 2018 rund 168 000 Kinder in der öffentlich geförderten Kindertagespflege betreut, das sind 13 Prozent mehr als 2015. In Brandenburg ging in diesem Zeitraum die Anzahl um fünf Prozent auf 4300 Kinder zurück.

Im März 2019 waren nur noch 4130 Mädchen und Jungen bei einer Tagesmutter. Deren Anzahl sinkt natürlich auch: Allein von März 2018 zum März 2019 gaben 42 Kräfte in Brandenburg auf, aktuell arbeiten 1056.

In der Lausitz bestätigt sich der rückläufige Trend. Ausnahme ist Cottbus. Hier schwankt die Anzahl der Tagesmütter konstant um die 50, heißt es aus dem Jugendamt. Anders in den südbrandenburgischen Kreisen: Dort hat sich die Anzahl deutlicher reduziert, teilweise um mehr als die Hälfte.

Tagesmütter in Brandenburg: Mangel an sozialer Sicherheit

Woran das liegt, bringt Tagesmutter Heike Hübinger aus Cottbus auf den Punkt: Sie würde nie etwas anderes machen wollen, aber jungen Menschen könne man diesen Beruf einfach nicht empfehlen. Die soziale Abfederung sei schlecht.

„So lange alles läuft und man einen Partner hat, geht es“, schätzt die 56-Jährige ein. Was ist, wenn man lange ausfällt oder wenn keine Kinder kommen? Sie habe vor dem Quereinstieg als Tagesmutter 30 Jahre in einem anderen Job Rentenpunkte gesammelt.

„Aber was ist mit den Jungen?“ Auch die Landesverbandschefin Kindertagespflege hadert mit der schlechten Bezahlung und sozialen Stellung des Berufsstandes: „Bei einem Monatsverdienst von 1500 Euro braucht eine Tagesmutter zwei Jahre, um einen Rentenpunkt zu erlangen“, erklärt Ingrid Pliske-Winter.

Tagesmutter aus Lübben: Schwierige Arbeit als Einzelkämpferin

Juliane Waschkowitz, Tagesmutter aus Lübben, macht die Schwierigkeiten als „Einzelkämpfer“ am Krankheitsfall deutlich. „Wenn ich krank bin, hängen auch die Familien der Kinder dran“, die sich in dieser Zeit anders organisieren müssten.

In einer Kita könne Krankheit eines Erziehers anders abgefedert werden. „Wir stehen dann von allen Seiten unter Druck, deshalb gehen viele junge Menschen diesen Weg in die Selbstständigkeit als Tagesmutter gar nicht.“

Als Juliane Waschkowitz sich vor drei Jahren beruflich neu orientierte, stand fest, Selbstständigkeit ja, aber nicht allein. Glücksfall: Juliane Waschkowitz ist bei der früheren Tagesmutter ihres Sohnes eingestiegen, sie haben gemeinsam die Räume angemietet.

Als „Lübbener Minis“ feierte sie mit Kollegin Monika Krenzlin gerade den dritten Jahrestag. Beide schätzen den fachlichen Austausch und gegenseitigen Rückhalt, den sie als Zweier-Gespann haben. „Das gibt auch Sicherheit.“

Tagesmütter in Cottbus: Viele Quereinsteigerinnen

Tagesmütter wirtschaften mit den Förderungen aus der öffentlichen Hand. Lausitzer Städte und Kreise zahlen zu Kranken-, Pflege- und nötigen Versicherungen zumeist die Hälfte dazu, Zuschüsse zur privaten Alterssicherung auch.

Hinzu kommen die Aufwandsentschädigungen. Aber das „wirtschaftliche Risiko einer selbstständigen Existenz“ könne damit nicht komplett ausgeglichen werden, weiß Roland Neumann, zuständiger Dezernent im Elbe-Elster-Kreis.

Das ist so, sagt auch der Cottbuser Jugendamtsleiter André Schneider. Deswegen mache es auch keinen Sinn, Tagesmütter mit Erziehern in Kitas vergleichen zu wollen, was immer gern gemacht werde.

Zum einen hätten in Kitas beschäftigte Erzieher eine drei-, vierjährige Ausbildung absolviert und einen pädagogischen Abschluss, die meisten Tagesmütter in Cottbus seien Quereinsteiger mit 160 Stunden Weiterbildung. Freie Träger würden sich für die Bezahlung der Erzieher am Tarif des öffentlichen Dienstes orientieren (3000 Euro brutto für 40 Stunden in der Stufe 2), „liegen aber meist drunter“, sagt Schneider.

Zum anderen seien Erzieher an Dienstpläne, Urlaubszeiten und Teams gebunden, eine Tagesmutter nicht.

Stadt Cottbus: Entschädigung für Tagesmütter angehoben

Was die finanzielle Seite der Tagesmütter betrifft, sieht sich die Stadt Cottbus gut aufgestellt. Die Aufwandsentschädigung sei in den vergangenen Jahren immer wieder angehoben worden, sagt Jugendamtsleiter Schneider.

Ein Blick in die Region bestätigt, dass sich „Cottbus da nicht zu verstecken braucht“, wie Schneider betont. Seit August bekommen Tagesmütter pro Kind für acht Stunden Betreuung 515 Euro, hundert Euro mehr als zuvor.

Tagesmütter mit einem pädagogischen Abschluss bekommen sogar 548 Euro. Mit 39 Tagen bezahlte Freistellung (Urlaub, Krankheit und Weiterbildung) liege Cottbus in der Region deutlich über dem Schnitt, sagt Schneider.

Tagesmütter in Brandenburg: Hohe Arbeitsbelastung

Ein Problem für Tagesmütter ist die hohe Arbeitsbelastung. Sie arbeiten am Tag zumeist länger als acht Stunden, weil oft ein Kind zehn Stunden betreut wird. „Das erste Kind kommt 6.30 Uhr, das letzte geht 16.30 Uhr“, berichtet beispielsweise Tagesmutter Antje Brodowski.

Das zehn Stunden betreute Kind werde zwar anders vergütet, aber es „ist trotzdem hart“, sagt Brodowski, die Frisörin gelernt hat und seit 2003 Tagesmutter in Cottbus ist. Zumal auch mittags, wenn die Kinder ruhen, die Tagesmutter keine Pause habe. Sie räume dann den Tisch ab, mache sauber, Abrechnungen, Nach- und Vorbereitungen, so Brodowski.

Das ist das Los der Selbstständigkeit, betont Jugendamtsleiter Schneider. Mit der Aufwandsentschädigung werde keine tarifliche Arbeitszeit bezahlt. Und gerade die zeitliche Flexibilität der Tagesmütter sei ja ein Vorteil gegenüber der Praxis in Kitas.

Tagesmütter in der Lausitz: Darum geben so viele auf

Möglicherweise aber ist die hohe Arbeitsbelastung der Grund, warum Tagesmütter in der Lausitz aufgeben. Viele hätten schon 15 Jahre in dem Job gearbeitet und „kommen im zunehmenden Alter an ihre persönlichen und gesundheitlichen Grenzen“, berichtet Elbe-Elster-Dezernent Neumann.

Zudem seien in den vergangenen Jahren die U3-Plätze in den Kitas ausgebaut worden, sodass dort nun das Angebot auch größer ist. Die Landkreise Oberspreewald-Lausitz und Dahme-Spreewald benennen ebenso Altersgründe für den Rückgang der Tagesmütter.

Aber auch, dass ausgebildete Erzieher wieder verstärkt in Kitas zurückgekehrt sind. Erstmals seit diesem Frühjahr könnten Abgänge von Tagesmüttern nicht mehr durch Qualifizierung neuer Interessenten kompensiert werden, heißt es aus der Lübbener Kreisverwaltung.

In Spree-Neiße wird seit Dezember 2018 um höhere Entschädigungen für Tagesmütter gerungen, allein in Forst arbeiten acht. Doch der Klärungsbedarf scheint hoch, die Richtlinie wird immer wieder verschoben.

In Sachsen ist alles anders: Weder in Weißwasser noch in Hoyerswerda spielt Tagespflege eine große Rolle. In Weißwasser arbeiten aktuell zwei Tagesmütter, in Hoyerswerda gar keine. In den 21 Kitas seien sogar freie Plätze, sagt Hoyerswerdas Stadtsprecherin Angela Donath. Die Kitas würden zudem Früh- und Spätbetreuung ausreichend abdecken.

Tagespflege in der Lausitz: So viele Kinder werden betreut

Fakt ist, Tagesmütter sind in der Lausitz ein überschaubares Element in der Kindertagespflege. Die Relation macht es deutlich: In Cottbus werden durchschnittlich 7200 Kinder von Krippe bis Hort betreut, davon sind 240 Kinder bei 48 Tagesmüttern. In Weißwasser stehen sieben Tagespflege-Kinder zu 977 Kita-Kindern. Das hängt vor allem mit dem historisch gewachsenen gut ausgebauten Kita-Netz in der Region zusammen.

Tagesmütter sind aber eine wichtige Ergänzung im öffentlichen Betreuungsangebot. Viele Eltern setzen bewusst auf diese familienähnliche Form für ihr Kind. Gerade deshalb wünscht sich die Cottbuser Tagesmutter Hübinger auch mehr Wertschätzung und Hilfe. Sie lebe von der Mund-zu-Mund-Propaganda.

Die Vermittlung vom Amt, gerade in den ländlichen Stadtteilen, sei sehr schwerfällig, sagt Hübinger. Da werde die Rolle des Jugendamtes aber überschätzt, sagt Leiter Schneider. „Wir sind keine Vermittlungsstelle.“

Ob Kommunen ohne Tagesmütter ausreichend Betreuungsplätze vorhalten können, so wie es Heike Hübinger bezweifelt, will der Cottbuser Jugendamtsleiter so nicht unterschreiben. Tagespflege ist und bleibt eine wichtiges Element, nicht mehr und nicht weniger.

Deshalb arbeite Cottbus daran, die Bedingungen weiter zu verbessern. Es soll ein Springer eingerichtet werden, damit auch kurzfristige Ausfälle einer Tagesmutter abgefangen werden können.