Herman Van Rompuy hält die Verantwortung für die nächste Generation bildlich in den Händen. Zu seinem letzten Europäischen Rat hat der EU-Gipfelchef seine Enkelkinder mitgebracht, den Säugling unter ihnen wiegt der 66-Jährige in den Armen. So bekommt das offizielle, oft steife "Familienfoto" der meistens dunkel gekleideten 28 Staats- und Regierungschefs seine Ursprungsbedeutung zurück. Die Kinder bringen Leben in die Bude, es wird gelacht, das Baby weint, was auch das Herz der Kanzlerin erweicht. Zu diesem Zeitpunkt stehen Angela Merkel und ihren Kollegen nächtliche Verhandlungen zum Klimaschutz erst noch bevor. Es geht um weniger gnadenlose Ausbeutung der Erde, es geht um die Zukunft der Kinder.

Um ein Uhr am Freitagmorgen steht schließlich der Kompromiss auf ein Klima- und Energiepaket bis 2030 für Europa. Van Rompuy twittert: "Deal!" Viele Unterhändler halten diese Abmachung für das Maximum, das angesichts der großen Differenzen erreicht werden konnte. Es ist weniger, als sich Merkel erhoffte und mehr, als etwa Polens neue Ministerpräsidentin Ewa Kopacz eigentlich zu geben bereit war.

Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO{-2}) soll im Vergleich zu 1990 verbindlich um mindestens 40 Prozent sinken. Der Anteil der erneuerbaren Energien aus Wind oder Sonne soll mindestens 27 Prozent betragen. Es gibt neue flexible Regeln beim Handel mit Rechten zum CO{-2}-Ausstoß für die Industrie. Auf Druck Großbritanniens und Polens schwächte der Gipfel allerdings die Zielmarke für das Energiesparen ab. Jetzt werden mindestens 27 Prozent statt der von der EU-Kommission vorgeschlagenen 30 Prozent angestrebt, was Umweltschützer beklagen und viele Unternehmen beruhigt. Auch deutsche Diplomaten sprechen von "leistbaren Lasten" für die in scharfem internationalen Wettbewerb stehende deutsche Wirtschaft. Merkel gibt in Brüssel den Klassenprimus. Deutschland habe gar keine Mühe, die neuen EU-Vorgaben einzuhalten, sagt sie in ihrer nächtlichen Pressekonferenz. "Unsere nationalen Ziele sind ja weit strenger und insofern brauchen wir uns nicht weiter aufzuregen darüber, was Europa uns jetzt zuteilt." Vermutlich wird Deutschland in allen Disziplinen mehr leisten als auf EU-Ebene gefordert. Doch das Ziel auf nationaler Ebene - 40 Prozent weniger Emissionen schon bis 2020 - erscheint derzeit kaum realistisch. Das ist auch eine Folge der Stilllegung von acht Atommeilern und höherer Stromgewinnung durch Kohle. Die Bundesregierung arbeitet deshalb an einem umfassenden Aktionsplan.

Merkels Ruf als Klimakanzlerin hat zuletzt gelitten. So herrschte Unverständnis darüber, dass sie im September nicht zum UN-Klimagipfel nach New York reiste, während sich die politische Elite der Welt den Kopf über Strategien gegen die Umweltverschmutzung zerbrach. Die scheidende konservative EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard sieht Merkels Rolle hingegen nicht geschwächt. Das durch die Energiewende geprägte Deutschland habe die EU-Verhandlungen stark vorangetrieben. "Das war sehr hilfreich." Merkel sagt mit Blick auf die Weltklimakonferenz Ende 2015 in Paris, Europa habe sich zu einem "entscheidenden Spieler" gemacht. Denn nur, wenn Europa vereint und ehrgeizig vorangeht, können Umweltsünder wie China und die USA unter Druck gesetzt werden. Das Treffen ist ein Gipfel zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Fortschritt und Rückschritt, Abschied und Neuanfang. Es muss viel Rücksicht genommen werden. Auf persönliche Befindlichkeiten, nationale Probleme und europäische Belange. Van Rompuy und der ebenfalls scheidende EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sind bei diesem Gipfel noch nicht weg und ihre Nachfolger, Polens früherer Ministerpräsident Donald Tusk und der Luxemburger Jean-Claude Juncker, noch nicht im Amt.

Auch deshalb ist die Chef-Runde zu diesem Klimakompromiss quasi verdammt, soll Tusk nicht gleich eines der kompliziertesten Dossiers, die der Rat je gesehen haben dürfte, zum Amtsantritt auf den Tisch geknallt werden.

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Die Parallele zur Eisernen Lady Margaret Thatcher, die einst mit dem berühmten Satz "I want my money back" den Britenrabatt im EU-Haushalt bekam, ist sicherlich beabsichtigt gewesen. Ihr Nachfolger David Cameron tat es ihr beim Brüsseler Gipfel gleich: "Ich zahle diese Rechnung nicht", rief er Journalisten in einer Wutrede zu, in der er auf eine am Vorabend bekannt gewordene Nachzahlungsforderung der EU-Kommission über reagierte. "Wir werden nicht plötzlich unser Scheckbuch herausholen und einen Scheck über zwei Milliarden Euro schreiben. Das wird nicht passieren", so der Premier weiter. Hintergrund ist ein Schreiben der Brüsseler Behörde an die Londoner Schatzkanzlei. Darin wird die Regierung darüber informiert, dass sie einer ersten Schätzung zufolge bis zum 1. Dezember etwa 2,1 Milliarden Euro, umgerechnet 1,7 Milliarden Pfund an die EU-Kasse nachschießen muss. Es gehört zur Brüsseler Routine, dass in jedem Herbst die Beitragszahlungen der Mitgliedstaaten dahingehend überprüft werden, ob sie noch der wirtschaftlichen Lage entsprechen, die bei der Berechnung mit berücksichtigt wird. So sollen etwa auch die Niederlande, Griechenland und Italien etwas nachzahlen, während Deutschland und Frankreich für 2014 eine Rückzahlung erwarten können. Es sei "eine völlig unakzeptable Arbeitsweise für diese Organisation", ohne Vorwarnung eine solche Rechnung zu präsentieren. Christopher Ziedler