In der Praxis von Wolfram Hartmann geht es seit Jahresbeginn ruhiger zu. "Die jungen Patienten bleiben zunehmend aus, weil sie ihre Arzneien jetzt selbst bezahlen müssen", klagt der Mediziner aus dem südwestfälischen Kreuztal. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), dem Hartmann vorsteht, hat einen bundesweiten Patientenschwund von rund 15 Prozent registriert.
Einmal mehr schlägt die Gesundheitsreform ins Kontor. Die Belange der Kinder würden "nicht überall ausreichend berücksichtigt", betont Hartmann nach den ersten Erfahrungen mit dem neuen Gesetz. So sind Kinder zwar auch weiterhin von allen Zuzahlungen befreit, ab dem zwölften Lebensjahr kommen die Krankenkassen aber nur noch in Ausnahmefällen für nicht verschreibungspflichtige Medikamente auf. Darunter fallen chronische Erkrankungen und Entwicklungsstörungen, wobei dieser Begriff aber nicht näher definiert sei, wie Hartmann kritisiert.

Problem für sozial Schwache
Frei verkäufliche Arzneien gegen typische Erkältungen oder akute Darmerkrankungen müssen seit dem 1. Januar aus eigener Tasche getragen werden. "Dadurch nehmen ausgerechnet Jugendliche aus sozial schwachen Familien im Erkrankungsfall keine ärztliche Hilfe mehr in Anspruch", beobachtet der BVKJ-Präsident. "Die jungen Leute rufen bei uns an, hören, dass sie selber zahlen müssen und kommen nicht." Auch für viele Eltern ist die Kostenübernahme schwierig, weil rezeptfreie Pillen und Salben grundsätzlich nicht unter die gesetzlich verankerte Belastungsgrenze von zwei Prozent des Einkommens fallen.
Hartmann sieht darin eine Besorgnis erregende Entwicklung. Schließlich gehen Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 ohnehin ungern zum Arzt. Nun würden sie es noch viel weniger tun. Dadurch können nicht nur Krankheiten verschleppt werden. Der Arzt hat auch keine Möglichkeit, die jungen Patienten auf wichtige Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam zu machen. Dadurch werde vor allem die Therapie von Wohlstandskrankheiten wie etwa Essstörungen erschwert, warnt Hartmann.
Neben der Forderung, rezeptfreie Arzneien wieder bis zum 18. Lebensjahr zu erstatten, plädiert der Kinder- und Jugendärzteverband auch für die Nutzung von Bonusprogrammen, um diese Altersgruppe zu einer gesunden Lebensweise zu animieren. So könnten die Krankenkassen etwa die Kosten des Mitgliedsbeitrages im Sportverein übernehmen. Auch Sportgeräte oder Freikarten für die Schwimmhalle seien als Belohnung denkbar. "Da Kinder und Jugendliche grundsätzlich von allen Zuzahlungen befreit sind und keine eigenen Beiträge zahlen, können sie von solchen Programmen leider nicht profitieren", heißt es in einen Positionspapier des Verbandes.
Diese Auffassung geht allerdings an der Wirklichkeit vorbei. Denn die Gesundheitsreform schließt Bonusregelungen für junge Patienten keineswegs aus. So hat zum Beispiel die Techniker Krankenkasse (TK) ein Programm aufgelegt, bei dem Kinder und Jugendliche für den Erwerb des Sportabzeichens, die Mitgliedschaft im Sportverein und für die Teilnahme an Präventionskursen belohnt werden. Über ein Bonusheft werden Punkte angesammelt, für die am Ende Fahrräder und andere Sportgeräte winken. "Der Kinderbonus wird rege nachgefragt", zeigt man sich bei der TK zufrieden. Auch verschiedene Betriebskrankenkassen umwerben seit Anfang Januar die junge Kundschaft. Wer bestimmte Vorsorgeuntersuchungen nachweist, bekommt etwa von der Bahn-BKK ein Fitnesswochenende gratis. Bei der größten Ersatzkasse, der Barmer, wurden ähnliche Angebote entwickelt.

Patientendaten noch unsicher
Mit dem Rückgang der Patientenzahlen sind nicht nur Kinder- und Jugendärzte konfrontiert. Auch die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein bezifferte das Minus auf bis zu 20 Prozent. Die Ursache geht nicht allein auf die Praxisgebühr zurück. Ihre fälligen Arzttermine haben die Patienten vielfach im November und Dezember absolviert. Deshalb sind die aktuellen Daten auch noch nicht aussagekräftig. "Nach dem ersten Quartal kann man verlässlich darüber reden", hieß es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg.