Nervös geht eine verschleierte junge Frau durch die Straßen von Gombe. Sie ist auf dem Weg zum Fußballstadion der nordostnigerianischen Stadt. Staatschef Goodluck Jonathan macht dort Wahlkampf. Unter ihrer traditionellen islamischen Kleidung trägt die Frau einen Sprengstoffgürtel. Nur Minuten, nachdem der Präsident die Veranstaltung verlassen hat, kommt die Explosion. Die junge Frau stirbt, weitere 18 Menschen werden bei der Detonation verletzt.

Weiter im Norden, im Bundesstaat Yobe, sprengen sich zwei Kinder auf einem belebten Markt in die Luft. Und in der Stadt Maiduguri in Borno tötet eine Selbstmordattentäterin mindestens 19 Menschen. Sie ist zehn Jahre alt. All diese Anschläge ereigneten sich in diesem Jahr. Sie sind Teil einer menschenverachtenden Entwicklung.

Nigerias Behörden haben vor der Präsidenten- und Parlamentswahl am 28. März die Sicherheitsvorkehrungen im Land deutlich verschärft - aber die Terrorgruppe Boko Haram nutzt eine neue, teuflische Strategie für ihre Anschläge: Mädchen und junge Frauen werden als Attentäterinnen eingesetzt. Sie wirken weniger verdächtig.

„Erwachsene Selbstmordattentäter sind leichter zu erkennen als Kinder“, sagt Hussaini Abdu von der Hilfsorganisation ActionAid, die Opfer von Boko Haram unterstützt. „Vor allem junge Mädchen, die einen Schleier tragen, werden nicht verdächtigt oder durchsucht.“ Kinder könnten in dem religiösen und patriarchalischen Umfeld leicht indoktriniert werden. Abdu vermutet aber, dass viele Mädchen gegen ihren Willen zu Attentäterinnen werden und die Bomben an ihrem Körper per Fernbedienung gezündet werden.

Boko Haram nehme zunehmend Kinder ins Visier, schrieb kürzlich auch Unicef-Chef Anthony Lake. Tausende Kinder seien bereits von der Terrorgruppe traumatisiert worden.

Im Mai 2014 sorgte die Entführung von 276 Schulmädchen in der Stadt Chibok durch Boko Haram für einen internationalen Aufschrei. „Die Entführungen von Chibok waren kein isolierter Vorfall, nur der Größte“, sagt Bukola Shonibare von der Kampagne „Bring Back Our Girls“ (deutsch: „Bringt unsere Mädchen zurück“), die für die Rückkehr der Mädchen kämpft. „Es gab Hunderte Entführungen vor Chibok und auch Hunderte seither“, sagt sie. Diese Woche wurde bekannt, dass Boko Haram nach Angaben eines örtlichen Beamten bis zu 350 Frauen und Kinder im nordöstlichen Ort Damasak entführt hat.

Shonibare befürchtet, dass einige der Chibok-Mädchen zu Selbstmordattentäterinnen wurden. „Es ist sehr wahrscheinlich. Wir haben keine Beweise, doch Informationen von einigen geflüchteten Mädchen und Dorfbewohnern in der Nähe von Boko-Haram-Verstecken deuten darauf hin.“

Wie aus Interviews der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) mit geflohenen Frauen hervorgeht, bedroht Boko Haram Entführungsopfer systematisch mit sexueller oder körperlicher Gewalt oder sogar Mord. Sie sollen zum Islam übertreten, die Schule verlassen oder für die Terrorgruppe Verbrechen begehen.

Eine junge Frau erzählt, dass sie eine Gruppe von fünf Sicherheitskräften in eine Falle locken musste. „Die Kämpfer haben sie überfallen. Sie haben vier Männern die Kehlen durchgeschnitten. Dann gaben sie mir ein Messer um den letzten umzubringen. Ich zitterte vor Entsetzen konnte es nicht tun.“

Nur wenige entführte Kinder schaffen die Flucht. Auch von der Mehrheit der Mädchen aus Chibok fehlt noch immer jede Spur. Nur 53 der 276 Schülerinnen kehrten heim. Die Aktivisten von „Bring Back Our Girls“ geben jedoch nicht auf. Wütend macht sie vor allem das Versagen der Regierung, von ihr komme nur „ohrenbetäubendes Schweigen“, sagt Shonibare. „Wir haben keine Informationen, die Hoffnung geben könnten. Die Familien sind traumatisiert.“

Besonders schlimm sei für die Eltern der Gedanke, dass ihre Töchter mit Sprengstoffgürteln in den Tod geschickt würden. Das mache sie verrückt. „Das mindeste, das die Regierung tun könnte, wäre, die Sicherheit zu verstärken, um zu verhindern, dass noch mehr Kinder entführt werden“, fordert die Aktivistin. „Sie müssen endlich Verantwortung übernehmen.“