Cannabis erfreut sich nicht unbedingt eines gutes Rufes. Wie auch, schließlich eignen sich Hanfpflanzen vor allem für die Herstellung von Marihuana. Und das bleibt das Rauschmittel Nummer eins in Deutschland. Die Grünen haben gerade erst den Vorschlag gemacht, den Cannabis-Konsum in Deutschland zu legalisieren - zumindest in kleinem Maße und unter strenger Kontrolle. Immerhin, so die Argumentation des Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir, sei auch Alkohol in Deutschland legal. Beides seien Drogen. Warum also nicht auch Cannabis legalisieren? Kaum überraschend, dass Özdemirs Vorstoß Diskussionen aufwirft. Da ist er wieder, der schlechte Ruf der berauschenden Pflanze.

Und der lässt sich zunächst auch nicht von Medizinern aufpolieren, die Cannabis eine heilende Wirkung zuschreiben. Ge- rade für Tumorpatienten sei Cannabis ein mögliches Behandlungsmittel, um etwa nach der Chemothearapie Übelkeit und Erbrechen zu lindern. Rund der Hälfte der Multiple-Sklerose-Patienten, die Cannabis als Therapiemittel erhalten, helfen zwei der im Hanf enthaltenen Cannabinoide schon jetzt. Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) können Spastiken lindern - "können" betont Dr. Sabine Stöbe, Oberärztin der Palliativstation im Cottbuser Carl- Thiem-Klinikum. Längst nicht allen Patienten helfen Cannabinoide, sagt die Oberärztin. Und betont: Es geht ausschließlich um THC und CBD, nur zwei der Stoffe, die in der Hanf-Pflanze zu finden sind. Kiffen ist also keine Therapie.

Die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente nennt neben Tumor- und Multiple-Sklerose-Patienten eine ganze Reihe weiterer möglicher Einsatzgebiete: Appetitlosigkeit und Abmagerung bei Aids, Epilepsie, Juckreiz oder Tourette-Syndrom.

Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, bemängelt allerdings die fehlende Strenge bei Studien und Zulassung. Immerhin könne Cannabis Psychosen auslösen. "Es wird geforscht", sagt Dr. Sabine Stöbe, sowohl sie als auch Müller- Schwefe warnen aber davor, Cannabis schon jetzt als Allheilmittel in den Himmel zu loben.

Dass wichtige Erkenntnisse zum tatsächlichen Potenzial der Hanfpflanze fehlen, liegt vor allem daran, dass sich mit Cannabis kaum Geld machen lässt, anders als bei anderen Schmerzmitteln. Folglich investiert kaum jemand in die Forschung.

Dr. Sabine Stöbe befürwortet die leichtere Erhältlichkeit für Therapiemittel auf Cannabis-Basis grundsätzlich, warnt aber: "Für Cannabinoide müssen die gleichen Regeln gelten wie für andere Schmerzmittel." Eine strenge Kontrolle sei die Voraussetzung für eine kontrollierte Anwendung der Wirkstoffe.

Würde man allerdings an Hanf die gleichen Forschungs- und Zulassungs-Kriterien anlegen wie etwa an Opiate, sagt Müller-Schwefe, würde es noch Jahre dauern, bis ausreichend Studien vorlägen. Vorausgesetzt, es findet sich überhaupt jemand, der die Studien bezahlen will.

Am heutigen Samstag endet in Frankfurt/Main der Deutsche Schmerz- und Palliativtag, bei dem auch das Thema Hanf in der Schmerztherapie diskutiert wurde. Dass schwerkranke Patienten ab 2016 Cannabis auf Rezept erhalten können sollen und Krankenkassen die Kosten übernehmen werden, ist mittlerweile Konsens in der Bundesregierung. Wie genau aber die strengen Regeln, die für die rund 380 Patienten in Deutschland gelten, die bereits jetzt Cannabis als Therapiemittel erhalten, aufgeweicht werden sollen, ist noch nicht klar. "Ich hoffe, dass es nicht in Richtung Selbstanbau geht", sagt Müller-Schwefe, der dem Palliativ- und Schmerztag als Präsident vorsteht. "Das wäre unkontrollierbar." Ganz abwegig ist die Vorstellung nicht. Immerhin hat das Kölner Verwaltungsgericht drei Schmerzpatienten gestattet, Hanf in der eigenen Wohnung anzubauen - als Notlösung. Auch die Cottbuser Oberärztin Dr. Sabine Stöbe hält einen Selbstanbau von Hanf für Cannabispatienten in der aktuellen Diskussion für indiskutabel. Cannabinoide müssten wie ein Betäubungsmittel gehandhabt werden. Eine kontrollierte Anwendung von Cannabis auf Rezept könnte nicht nur Schwerkranken helfen, sondern auch die medizinischen Erkenntnisse bringen, die bislang noch fehlten.

Kommentar: Kontrolle statt Kiffen auf Kasse

Zum Thema:
In Deutschland erhalten 382 Patienten Cannabis als Therapiemittel. Das geht aus einer Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hervor. Laut dieser Liste sind unter den Patienten fünf Brandenburger und vier Sachsen. In Berlin gibt es 18 Cannabis-Patienten. Die Patienten haben eine Ausnahmeregelung beim BfArM beantragt, die ihnen die Inanspruchnahme von Cannabis erlaubt. Die Kosten aber für die Medikamente sind hoch. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Drei Patienten dürfen in Deutschland nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln Hanf in ihrer Wohnung anbauen. Damit hat das Gericht den Schmerzpatienten eine Notlösung zugestanden.