Dem leidgeplagten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko war der Zweckoptimismus deutlich anzusehen. "Investieren Sie bitte in unser Land", appellierte der Staatschef bei einem Treffen in Kiew fast flehend an westliche Unternehmer.

Doch die Reaktion war verhalten - denn die Aussichten auf eine Rendite sind düster. Der Krieg im Osten des Landes und eine tiefe Strukturkrise samt Mangel an Reformen lassen Europas zweitgrößten Flächenstaat ausbluten.

Vor einem Jahr wählten die Ukrainer Poroschenko hoffnungsvoll ins Amt - der reiche Süßwaren-Fabrikant stand im Ruf, sich mit Wirtschaft auszukennen. Den Kollaps der früheren Sowjetrepublik hat er bisher nicht stoppen können.

Die Daten zeigen eine bittere Realität. Die Wirtschaftsleistung brach im ersten Quartal dieses Jahres um 17,6 Prozent ein. Für das Gesamtjahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Minus von neun Prozent. Staatsgehälter und Mindestlöhne sind seit einem Jahr eingefroren, Sonderrenten und andere Vergünstigungen wurden gestrichen. Die Arbeitslosigkeit steigt. Viele Großbetriebe stehen seit Monaten still oder zahlen keine Löhne.

Nach der massiven Erhöhung der Energiepreise und der etwa 60-prozentigen Abwertung der Landeswährung Griwna erreichte die Inflationsrate im April 60,9 Prozent. Allein die Gastarife stiegen innerhalb eines Jahres auf das Neunfache.

Experten sehen das Land vor einer Staatspleite. Die prowestliche Führung in Kiew bestreitet dies vehement. Vor dem G7-Gipfel am Wochenende in Bayern dankte Poroschenko in einer Rede an die Nation ausdrücklich dem IWF und den Geldgebern in der EU sowie den USA. Die Finanzhilfe habe geholfen, den Bankrott abzuwenden und die makroökonomische Situation zu stabilisieren, so der Präsident.

Regierungschef Arseni Jazenjuk zufolge muss das Land innerhalb der nächsten vier Jahre mehr als 30 Milliarden US-Dollar (27 Milliarden Euro) an Auslandsschulden zurückzahlen. Allein die US-Investmentfirma Franklin Templeton hat mehr als sieben Milliarden Dollar in dem Land angelegt. Weitere 17 Milliarden US-Dollar seien im Inland fällig, so Jazenjuk.

Längst steht die Regierung mit dem Rücken zur Wand. "Aus den Taschen der Ukrainer können wir das alles nicht bezahlen", räumt der Regierungschef ein. Er fordert ein Entgegenkommen der Gläubiger.

Die wohl letzte Rettung vor einer Staatspleite sei frisches Geld vom IWF, sagen Wirtschaftsforscher in Kiew. Hier hofft die Regierung auf weitere 1,7 Milliarden US-Dollar aus einem 17,5 Milliarden US-Dollar schwe ren Hilfsprogramm. Doch vor der neuen Tranche verlangt der IWF eine Einigung mit den Gläubigern. Am 15. Juni läuft die Frist aus.

Seit Wochen verhandelt die Ukraine mit internationalen Geldgebern erfolglos über eine Umschuldung. Kiew fordert zumindest einen Teilerlass. Doch die Inhaber der Schuldscheine sträuben sich. Nun greift das klamme Land zu einer höchst umstrittenen Initiative. Ein von Poroschenko vor wenigen Tagen unterzeichnetes Gesetz erlaubt es der Regierung, die Rückzahlung von Auslandsschulden auszusetzen.

Der Schritt solle die Verhandlungen beleben, sagt Finanzministerin Natalia Jaresko. Russland als einer der größten Gläubiger der Ukraine fürchtet aber um seine Milliarden und ist empört. "Von der Sache her ist das bereits der Zahlungsausfall", sagt Finanzminister Anton Siluanow und schließt eine internationale Klage gegen Kiew nicht aus.

Russland hatte Ende 2013 dem damaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch drei Milliarden US-Dollar an Krediten gewährt - damit dieser seine innenpolitische Position mit "Wohltaten" stärken kann. Wenige Monate später wurde Janukowitsch gestürzt. Mit Nachdruck fordert Moskau das Geld bis Ende des Jahres zurück. Die nächste Zinszahlung über 75 Millionen US-Dollar ist am 20. Juni fällig.

Angesichts der russischen Unterstützung für Separatisten in der Ostukraine und der Einverleibung der Halbinsel Krim rechnet jedoch niemand in Kiew mit einem schnellen Kompromiss in dieser Frage. Doch auch die Führung in Moskau braucht angesichts der schweren Wirtschaftskrise in Russland dringend Geld.