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Kenia im Schockzustand

Einen Tag nach dem Blutbad: Trauer in Garissa um 147 junge Menschen.
Einen Tag nach dem Blutbad: Trauer in Garissa um 147 junge Menschen. FOTO: dpa
Nairobi/Garissa. Kenia lebt ständig in Angst. Islamisten aus Somalia wollen Vergeltung – und schlagen immer skrupelloser zu. Nairobi beharrt auf der Militäroperation im Nachbarland. Aber der Schock über das Blutbad in Garissa sitzt tief. Carola Frentzen

In Kenia herrscht Fassungslosigkeit. Mütter und Väter weinen um ihre Kinder, Kommilitonen trauern um ihre Freunde, das ganze Land trägt Trauer. Ausgerechnet Studenten - die Hoffnungsträger Afrikas - haben die Islamisten der somalischen Al-Shabaab-Miliz für ihren blutigen Terror ins Visier genommen und fast 147 von ihnen brutal ermordet. "Es ist unbegreiflich, was da passiert ist, besonders weil es um Studenten geht, um junge Menschen, die für eine bessere Zukunft gearbeitet haben", sagte der Lokaljournalist Enoch Sikolia, der den Angriff in Garissa am Donnerstag vor Ort verfolgt hat.

Wirklich überraschend kam die Attacke nicht - es hatte Drohungen gegeben. Aber die Skrupellosigkeit und Kaltblütigkeit der Täter bleibt unbegreiflich.

"Die Al-Shabaab nimmt keine Geiseln. Nach der Erstürmung ihres Ziels töten die Mitglieder so viele wehrlose Opfer wie möglich, verbarrikadieren sich in einem Teil des Gebäudes und verwickeln die Sicherheitskräfte in einen Kampf, um noch mehr Menschen zu töten", kommentierte die Zeitung "Daily Nation". Dadurch wollten die Extremisten so viel internationale Aufmerksamkeit auf sich lenken wie möglich. Schon kurz nach der Erstürmung des Geländes machten die Fundamentalisten klar, dass sie es hauptsächlich auf Christen abgesehen hatten. Wer keine Verse aus dem Koran zitieren oder Fragen zum Islam nicht beantworten konnte, wurde umgehend erschossen. Dabei ist das überwiegend christlich geprägte Kenia ein Land, in dem die Religionen friedlich und konfliktfrei miteinander leben.

Seit Jahren wird der ostafrikanische Staat, der bis vor wenigen Jahren als Safari- und Tauchparadies bekannt war, von Islamistenattacken erschüttert. Die Al-Shabaab will damit den Abzug der Truppen aus dem Nachbarland erzwingen - und gerade Garissa gilt als eines der wichtigsten Zentren für die Logistik der Militäroperation. Der Zeitpunkt der Attacke scheint nicht zufällig gewählt: März war kein guter Monat für die Miliz, die mehrere Rückschläge hinnehmen musste und nun offenbar Vergeltung üben wollte. So gelang es der somalischen Armee mit Unterstützung von Soldaten der Afrikanischen Union, den wichtigen Bezirk Masjid Ali Gadud im Süden des Landes von der Terrorgruppe zurückzuerobern. Das Gebiet gilt als wichtige Transitstrecke der Al-Shabaab. Zwei Wochen später konnten somalische Sicherheitskräfte in Mogadischu einen wichtigen Kommandeur der Miliz festnehmen, der dort Anschläge plante. Und im Südwesten des Landes wurde bei einem Drohnenangriff Aden Garar getötet, einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Terrorattacke auf das Einkaufszentrum Westgate in Nairobi, bei dem 2013 mindestens 67 Menschen umkamen.

"Ich rufe alle Kenianer auf, Ruhe zu bewahren, bis die Normalität wiederhergestellt ist", versuchte Polizeichef Joseph Boinnet die Bevölkerung zu beschwichtigen. Aber ruhig sind die Kenianer schon lange nicht mehr. Denn der anhaltende Terror hat nicht nur den Tourismus - eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes - zum Erliegen gebracht, auch die Behörden wirken völlig hilflos im Kampf gegen den Terror.

Erst vor Kurzem hatte die Regierung angekündigt, die Kontrollen an der 700 Kilometer langen Grenze zu Somalia drastisch zu verstärken. Die Grenze sollte so weniger durchlässig für somalische Fundamentalisten werden.