Schulalltag in der Astrid-Lindgren-Grundschule in Spremberg (Spree-Neiße): Elf Erst- und 13 Zweitklässler lösen in einem Klassenraum gemeinsam eine Aufgabe. Zwei Lehrerinnen, Carola Künstler und Ines Gericke, schauen ihnen über die Schulter, helfen, wo die Schüler untereinander nicht mehr weiterkommen.In der Astrid-Lindgren-Grundschule gibt es anfangs keine Jahrgangsstufen und festen Stundenpläne mehr. Frontalunterricht und Noten haben ausgedient. All das kommt erst ab der 3. Klasse. "Früh genug", wie Schulleiterin Regine Branzke sagt. Seien doch Schulanfänger in ihrer Entwicklung um Jahre auseinander. "Einige können gleich lesen und rechnen, andere reden anfangs gar nicht mit uns." Da sei es wichtig, jedem Kind die Zeit zu geben, die es braucht, um gut in die Schullaufbahn zu starten. Einige Kinder brauchen für die ersten zwei Schuljahre drei Jahre, andere nur ein Jahr. "Es gibt keine Sitzenbleiber und keine Streber", sagt Regine Branzke. Durch das Miteinander lernten die Kinder außerdem soziale Kompetenz.Vorreiter BrandenburgDie Grundschule in Spremberg und eine zweite in Forst (Spree-Neiße) waren 1999 die ersten Schulen landesweit, in denen jahrgangsgemischt unterrichtet wurde. Beide Schulen bekamen 13 zusätzliche Stunden pro Woche für den Versuch - acht für eine zusätzliche Lehrerin, fünf für eine sonderpädagogische Begleitung der lernschwachen und besonders begabten Kinder. Karin Averdiek, damals Leiterin der Forster Grundschule im Stadtteil Eulo, erinnert sich: "Da waren immer zwei Betreuer in einer Klasse. Endlich konnten wir uns um Kinder kümmern, die bisher im Schulbetrieb untergingen."Karin Averdiek und Regine Branzke hielten, unterstützt vom Staatlichen Schulamt und dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, die Versuchsergebnisse fest. Hinweise für die Schülerförderung wurden in einem Handbuch gesammelt, mit dem die nächsten Flex-Grundschulen arbeiten konnten. Zum Schuljahr 2001/2002 waren es 20, die meisten im Landkreis Spree-Neiße und in Cottbus. 2005 machten landesweit mehr als 100 Schulen mit, bis heute sind es rund 170 von 424.In einem Zwischenbericht hielt das Landesinstitut 2006 fest: Gegenüber Grundschulen im Regelbetrieb überspringen in Flex-Schulen mehr Kinder eine Klasse oder nehmen sich drei statt zwei Jahre Zeit für die ersten beide Schuljahre. Statt 16,6 Prozent, so hieß es in dem Bericht weiter, würden in Flex-Schulen nur 7,7 Prozent der Schulanfänger zurückgestellt. Nur halb so viele Schüler wie an einer Regelschule wechselten später an eine Förderschule. Die guten Ergebnisse in Brandenburg bestärkten andere Bundesländer darin, nachzuziehen, sagt Katrin Liebers vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg. Heute gibt es in fast allen Bundesländern eine flexible Schuleingangsphase mit jahrgangsgemischtem Unterricht. Einige Länder wie Schleswig-Holstein überlegen, das Modell verpflichtend für alle Grundschulen einzuführen.In Berlin ist das bereits beschlossen. 250 der 360 Grundschulen bieten jahrgangsgemischten Unterricht an. Bis zum Schuljahr 2010/2011 sollen die verbleibenden nachziehen. "Für einige wenige Schulen gibt es Ausnahmegenehmigungen für notwendige Umbauten", sagt Jens Stiller, Sprecher des Senats für Bildung.In Berlin, so Stiller, gab es nur anfangs Proteste gegen die neue Unterrichtsform. Unselbstständige Schüler bedürften einer festen Klassenstruktur, monierten Schulleiter. In Schleswig-Holstein kritisierte der Verband Bildung und Erziehung die hohe Belastung für Kinder und Pädagogen. Lehrer müssten mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder innerhalb kurzer Zeitabstände durchführen, Schüler litten unter Reizüberflutung. So sei kein effizienter Unterricht möglich.Flex-Pflicht auf Eis gelegtIn Brandenburg begann das Murren erst, als das Land die zusätzlichen Stunden 2007 limitierte. Nach der Erprobungsphase bezahlte das Land nur noch zehn zusätzliche Stunden pro Woche. Daraufhin sprang die Astrid-Lindgren-Grundschule in Cottbus, seit 2001 dabei, ab. Auch andere Grundschulen, so Karin Averdiek, meldeten Protest an, blieben aber dabei. Viele griffen auf Vertretungsreserven zurück oder investierten Teilungsstunden für höhere Klassen in Flex. Sicher seien 13 Stunden besser als zehn, sagt Karin Averdiek. "Wer es gewohnt ist, Mercedes zu fahren, der steigt nicht gern auf einen Kleinwagen um."Für den CDU-Bildungsexperten im Brandenburger Landtag, Ingo Senftleben, zeugt das Verhalten der Cottbuser Schule von hohem Verantwortungsbewusstsein. "Wenn eine Schule zu der Einsicht kommt, dass die Mittel für ein an sich gutes Unterrichtsmodell nicht ausreichen, ist es richtig, auszusteigen", sagt er. Flex müsse auf Freiwilligkeit beruhen. Dies sah im Juli 2008 auch die SPD-CDU-Koalition so und legte die geplante Flex-Pflicht auf Eis.