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| 02:39 Uhr

Keine Schmerzen – wie ein Sechser im Lotto

Herzenssache. Stadthospiz-Gründerin Annette Wallenburg (2.v.l.) und Pflegedienstleiterin Manuela Berthold (l.) können auf eine eingeschworene Gemeinschaft bauen. Lustige Figuren sorgen für eine freundliche Atmosphäre. Zur Lebenslust gehört auch gutes Essen: Küchenfee Ines Ballmüller (r.) ist für ihre Überraschungsteller bekannt.
Herzenssache. Stadthospiz-Gründerin Annette Wallenburg (2.v.l.) und Pflegedienstleiterin Manuela Berthold (l.) können auf eine eingeschworene Gemeinschaft bauen. Lustige Figuren sorgen für eine freundliche Atmosphäre. Zur Lebenslust gehört auch gutes Essen: Küchenfee Ines Ballmüller (r.) ist für ihre Überraschungsteller bekannt. FOTO: Stadthospiz
Cottbus. Vom Bett aus kann man den Himmel sehen. Das war vor 20 Jahren in vielen der Zimmer unterm Dach so, und so ist es noch heute. Ida Kretzschmar

Auch wenn es inzwischen nur noch Einzelzimmer gibt, renoviert und farbenfroh ausgestattet. Aber es ist noch immer der gleiche tröstliche Blick nach draußen. Man kann sich eine Wolke aussuchen oder sie ziehen lassen. Sabine Bandelow mag die großen Fenster, die viel Licht zu ihr hereinlassen. "Gemeinsam schieben wir die dunklen Wolken weit weg", macht Annette Wallenburg Mut, die vor 20 Jahren das Stadthospiz Cottbus gründete.

Vor knapp fünf Jahren hatte Sabine Bandelow die niederschmetternde Diagnose erhalten - Knochenmarkkrebs. Als nun auch noch die Nieren versagten, fühlte sie sich zu schwach, um allein in ihrer Gubener Zweiraum-Wohnung zurechtzukommen. "Ich weiß, wie es um mich steht, dass ich keine Heilung erwarten kann, nicht mehr alle Zeit der Welt habe. Aber ich versuche, so lange wie möglich durchzuhalten", sagt die 65-Jährige.

Als die Kraft nachließ, bezog die ehemalige Grundschullehrerin im März ihr Einzelzimmer im Hospiz. Sie wollte es so, besprach es mit Tochter und Sohn. Palliativmediziner kommen ins Haus. Auch alle anderen wichtigen Fachärzte und die Dialyse sind gleich um die Ecke zu finden.

"Es gibt Tage, da komme ich nicht hoch", gesteht die 65-Jährige der Pflegeschwester Nancy Goertz. Die 38-Jährige nimmt sie in den Arm, entlockt ihr auch mal einen Wunsch. "Vielleicht eine neue Frisur? Oder schöne Nägel?" fragt die Lübbenerin mit strahlendem Lächeln. Sie weiß: Sabine Bandelow lässt sich nicht so leicht unterkriegen.

Zwar muss sie stundenlang zur Blutwäsche, die an ihren Kräften zehrt. "Mit der Dialyse ist meist der halbe Tag weg, aber ich habe ja noch die andere Hälfte", zeigt die Gubenerin ihre optimistische Ader. Mit 60 Jahren hat Sabine Bandelow noch ihren Führerschein gemacht und sich ein Auto zugelegt. Sie vermisst das Umherfahren. Aber die großen Fenster in ihrem Zimmer unterm Dach des Stadthospiz Cottbus öffnen ihr die Welt, die sich in Frühlingsfarben gekleidet hat. Die Tür nach draußen ist ihr nicht verschlossen. An guten Tagen atmet sie bei einem Spaziergang den Duft des Frühlings. Oder wenn die Tochter sie zum Kaffeetrinken abholt.

Auch Jörg Ziesche ist gern draußen. "Seit ich mich im Hospiz wieder ein bisschen aufgerappelt habe, schaffe ich es sogar bis in den Branitzer Park", erzählt der 46-Jährige. Als er im Februar sein Zimmer bezog, ging es ihm sehr schlecht. Sein Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte Metastasen gebildet. Die Schmerzen wurden unerträglich, er konnte kaum noch laufen. "Aber ich bin eine Kämpfernatur", sagt der gebürtige Hoyerswerdaer. Im Hospiz bekommt er Medikamente, mit denen er die Schmerzen gut aushält. So kann er, wenn er auch nicht mehr selbst durchstartet, nach Herzenslust im Laptop neueste Flugzeugmodelle bestaunen und fühlt sich obendrein mit der weiten Welt verbunden. "Keine Schmerzen zu haben, das ist wie ein Sechser im Lotto", sagt er.

Jörg Ziesche hat natürlich gehört, dass man jetzt auch Cannabis auf Rezept bekommen kann, aber er will sich nicht zudröhnen. In der Palliativmedizin gibt es Besseres, weiß er von den Experten und erfährt es am eigenen Leibe. "Ich will doch am Computer noch einen klaren Kopf behalten", sagt der Mann und gibt zu: "Mein einziges Laster sind Zigaretten. Aber da gibt es hier auch keine Verbotsschilder."

Jörg Ziesche hat sich abgewöhnt, über Zukünftiges zu grübeln: "Ich plane nicht. Ich lasse das Leben auf mich zukommen. Und genieße, solange ich genießen kann", sagt er.

Im Hospiz versucht man, ihm wie den anderen Bewohnern, jeden Wunsch von den Augen abzulesen. "Ich kann da auf Mitarbeiter bauen, die mit Herzblut und Humor für eine lebensfrohe Atmosphäre im Haus sorgen. Allen voran Pflegedienstleiterin Manuela Berthold, die seit 1994 dabei ist", weiß Annette Wallenburg den Einsatz zu schätzen. Auch Martina Olerich und Ines Brandt gehören seit Jahrzehnten zum 23-köpfigen Team, das auch durch Ehrenamtliche unterstützt wird und 15 schwerkranke Menschen betreut. Die Hälfte der eingeschworenen Gemeinschaft arbeitet zehn Jahre und länger im Stadthospiz Cottbus. Wie Ines Ballmüller. Viele Jahre stand sie als Krippenerzieherin am Anfang des Lebens, jetzt kümmert sie sich darum, dass es am Ende menschengerecht zugeht.

Auf ihre Überraschungsteller, die sie in der Küche vorbereitet, freuen sich die Bewohner. "Wenn schwerkranke Menschen keine Schmerzen und finanziellen Sorgen mehr drücken, leben sie nicht selten richtig auf, bekommen auf einmal wieder Appetit", weiß Annette Wallenburg.

Auch die 86-jährige Elli Eilitz im "Turmzimmer" freut sich über die Blumenkohlsuppe mit Klößchen, die sie zu Mittag ausgewählt hat. Mehr noch darüber, wie liebevoll alles angerichtet ist - und über die kleine Streicheleinheit beim Servieren. "Es gibt auch Zeit für Gespräche. Das brauche ich, ist doch nicht so selbstverständlich, dass ich mich in meinem Alter noch gut unterhalten kann", lacht sie.

Seit der Tumor ihre Knochen mehr und mehr zerstört, ist Elli Eilitz noch bescheidener geworden in ihren Wünschen: "Ich bin schon zufrieden, wenn ich auf der Bettkante sitzen kann", lächelt die Elsterwerdaerin, die sich hier "rundum gut versorgt" fühlt. Ein wenig hofft sie auch auf den Sommer. Sie würde doch gern einmal den neugeborenen Enkel ihres Neffen sehen.

"Viele schwerkranke Menschen, die zu uns kommen, wenn häusliche Pflege in der eigenen Wohnung oder bei der Familie nicht mehr geleistet werden kann, atmen noch einmal auf, auch, wenn sie wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben", weiß Annette Wallenburg. Begonnen hatte sie 1994 mit der Cottbuser Hauskrankenpflege, zu der drei Jahre später das Stadthospiz Cottbus hinzukam, gemeinsam initiiert mit dem Onkologen Dr. Ulrich von Grünhagen.

Es ist das einzige privat geführte Hospiz bundesweit. Noch nie habe man eine Förderung in Anspruch genommen. Und doch werden hier Menschen unbesorgt finanzieller Nöte liebevoll auf ihrer letzten Reise begleitet. Es ist nicht leicht, einen Hospizplatz zu bekommen. Der Aufenthalt aber kostet die Familie keinen Pfennig, erzählt Annette Wallenburg. 95 Prozent der Kosten übernehmen Kranken- und Pflegekassen. Der Rest wird durch Spenden und ehrenamtliche Arbeit zusammengebracht.

"Hier müssen die Schwerstkranken weder Schmerzen leiden noch sich einem strengen Krankenhausregime unterwerfen. Sie können selbstbestimmt entscheiden, wann sie aufstehen, was sie essen und trinken wollen, ob sie Intensivmedizin in Anspruch nehmen oder darauf verzichten wollen", sagt Annette Wallenburg.

Niemandem wird etwas vorgemacht. Dem Hospizgedanken verpflichtet, will man hier Menschen das Leben vor dem Tod erleichtern, Leiden und Schmerzen lindern. Es geht nicht darum, das Leben zu verlängern, sondern der bestehenden Zeit Leben zu verleihen. Palliativmedizin nennt sich diese Art der Behandlung. Mit Sterbehilfe hat das nichts zu tun.

Verwandte und Freunde gehen hier ein und aus, beteiligen sich an der Pflege und können gern auch mal im Stadthospiz Cottbus übernachten. Sie sind erleichtert zu wissen, dass ihre Angehörigen gut umsorgt sind - in einer attraktiven Bleibe, in der sogar Haustiere willkommen sind. Schmerzmittel, in regelmäßigen Abständen und ausreichenden Dosen verabreicht, halten die Schwerstkranken schmerzfrei, auch wenn es ans Sterben geht. Sie wissen, hier können sie über die letzten Angelegenheiten sprechen, sind sie am Ende nicht allein.

Der Tod gehört zum Leben. Ohne ihn wüssten wir nicht, was für ein Geschenk das Leben ist. Darüber wird schon mal im Hospiz gesprochen, aber nicht andauernd. Das Leben soll noch einmal seinen kleinen Auftritt haben. Deshalb wird so viel wie möglich gelacht. Annette Wallenburg zieht einen Vergleich: "Es ist am Ende wie mit Kerzen, die von beiden Seiten angezündet wurden. Niemand weiß genau, wie lange sie brennen. Aber sie leuchten hell und intensiv. Und sind voller Leben - bis zuletzt."

Zum Thema:
Hospize (lat. hospitium "Herberge") waren ursprünglich von Klöstern unterhaltene Herbergen, die Pilgern auf ihrer Reise Unterkunft boten. Die heutigen Einrichtungen wollen Schwerkranken und Sterbenden Herbergen der Pflege und Zuwendung sein. Das erste stationäre Hospiz wurde 1967 im Vereinigten Königreich eröffnet (in Deutschland 1986), dort entstand auch 1982 das erste Kinderhospiz (in Deutschland 1998). In Deutschland gibt es inzwischen 234 stationäre Hospize und 304 Palliativstationen in Krankenhäusern sowie rund 1500 ambulante Hospizdienste.Das StadtHospiz Cottbus ist das einzige privat geführte Hospiz Deutschlands. Es wurde am 31. Mai 1997 als erstes Hospiz im Land Brandenburg gegründet. Das Stadthospiz verfügt zudem über den ersten ambulanten Palliativ-Dienst im Land Brandenburg, dessen Arbeit als Regelleistung von den Krankenkassen finanziert wird. Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des ersten Hospizes im Land Brandenburg laden der Förderverein HospizHilfe Cottbus und das Stadthospiz Cottbus am 23. September zur 4. Cottbuser Hospiz-Gala 2017 ein.