So ein Gefährt ist für den Großteil der Menschen in diesem von Krieg und Blutvergießen geschundenen Land fast so wertvoll wie ein Auto in der westlichen Welt.
Für Maruf hat sich nach dem Ende des Taliban-Regimes Ende 2001 einiges geändert. Bei aller Unsicherheit durch die in Teilen noch immer desolate Situation in dem Land am Hindukusch und die scheinbare Wiedererstarkung der Taliban gibt es doch auch Lichtblicke. Unmittelbar, nachdem die Radikal-Islamisten vertrieben werden, holt Maruf die alten Fußballstiefel seines im Bürgerkrieg gefallenen Vaters aus dem Keller. Er animiert Freunde aus der Nachbarschaft zum Spiel mit dem Ball, was nicht ganz einfach ist. Denn unter den Taliban waren einige Spiele für Kinder und Jugendliche verboten, und Verstöße wurden mit strengen Strafen geahndet. So etwas prägt, viele reagieren daher zunächst zurückhaltend. Doch schließlich lassen auch sie sich mitreißen. Der Fußball gönnt ihnen zumindest eine Atempause.

Lebensfreude hält Einzug
Nach Jahren strengster Reglementierung und Unterdrückung ist endlich wieder mehr Freiheit und damit die Lebensfreude in das alte Land mit der so großartigen Kulturgeschichte zurückgekehrt. Maruf und seine Freunde genießen es. Obwohl es zunächst nur wenige freie Plätze in der Stadt gibt, ein Spielfeld zu markieren - Schutt und Trümmerreste lassen kaum Platz - treffen sich die jungen Leute täglich zum Training. Und ein paar Wochen später organisiert Maruf bereits das erste Straßenfußball-Turnier, bei dem ein schon arg mitgenommener Ball herhalten muss - das Geschenk eines ehemaligen afghanischen Nationalspielers.
Als ein Jahr später der Schulbetrieb wieder aufgenommen wird - in Zelten des Kinderhilfswerks Unicef - ist Maruf erneut aktiv. Er bekommt von der Schulleitung die Erlaubnis, die erste Meisterschaft auszurichten. Maruf entwickelt sich immer mehr zu einer Führungsfigur. Und als der damals gerade wieder ins Leben gerufene Fußballverband nach jungen Spielern Ausschau hält, die für die Jugend-Nationalmannschaft infrage kommen könnten, zögert der junge Mann keinen Augenblick und stellt sich beim Probetraining vor.
Was dann kommt, überrascht selbst den zu diesem Zeitpunkt 18-jährigen Schüler. Er wird von Nationaltrainer Yunus Karger - früher auch der "Gerd Müller" Südasiens genannt - ins Team berufen. Inzwischen, nach zahlreichen Länderspielen in der U-19-Auswahl, ist er Leistungsträger der Nationalmannschaft, die 30 Jahre lang nicht mehr existiert hatte.
Maruf hadert nicht mit dem Schicksal einer verlorenen Kindheit. "Das Jetzt ist für mich wichtig", sagt er. Und wenn alles gut läuft und das Studium an der Universität von Kabul erfolgreich abgeschlossen werden kann, wird er seinen Wunsch verwirklichen und Architekt werden. Arbeit gibt es in seiner Heimat genug. Darüber ist sich der junge Mann im Klaren.
Der Weg, den der 22-Jährige seit Ende des Krieges beschreitet, ist eine Ausnahme. Die meisten seiner Mitspieler haben keine Arbeit. Sie leben an der Grenze zur Armut. Der Fußballverband zahlt den Nationalspielern 100 Dollar (rund 76 Euro) pro Monat. Aber davon müssen viele Spieler oft eine vielköpfige Familie ernähren. So wie Ali Ahmadi, der technisch gute Mittelfeldspieler, oder Said Maqsood, dessen Pässe für Kenner eine Augenweide sind. "Die mangelnde Sicherheit in unserer Stadt mit ständigen Gefahren durch Anschläge ist für die meisten von uns kein Problem. Wir haben gelernt, damit umzugehen", sagt Said Maqsood und fügt hinzu: "Viel größer sind die Probleme im Alltag."
Hafizullah Qadami, der Stürmer, hat bislang ebenfalls noch keinen Job gefunden. Und so fährt er oft zu seiner Familie, die im Iran lebt, nahe an der Grenze zu Afghanistan. Die Kosten für die Busfahrt bekommt er vom Verband bezahlt. Er ist eben für die Nationalmannschaft ein sehr wichtiger Mann.
Dass die Freiheit am Hindukusch nicht grenzenlos ist, erfahren die Menschen hier tagtäglich. Offensiven und Selbstmordanschläge der Taliban, die alles tun, um ihr verlorenes Terrain wieder zurückzuerobern, machen ihnen das Leben schwer. "Frei bewegen können wir uns eigentlich nur im Norden des Landes und auch teilweise im Osten, wie beispielsweise in der Stadt Dschalalabad", erzählt Ali Askar Lali. Der 1980 vor den sowjetischen Besatzungtruppen aus Afghanistan geflohene Mann mit deutschem Pass ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt - im Auftrag der Bundesregierung. Dort baut er gemeinsam mit Trainern des deutschen Projektes in seinem Heimatland den Fußballsport wieder auf - auch für Frauen, womit er sich nicht nur Freunde macht.

Es ist mein Heimatland
Doch das nimmt er in Kauf und weilt gern in dem Land, in dem er geboren wurde: "Ich bin hier Nationalspieler geworden. Das Land hat mir alles gegeben", sagte er vor wenigen Wochen im deutschen Fernsehen. "Hier möchte ich arbeiten, um den Fußball in Afghanistan aufzubauen. Es ist mein Heimatland - und ich liebe es."
Unter all diesen schwierigen Umständen und der Tatsache, dass Frauen nicht erst, aber auch vor allem unter den Taliban völlig rechtlos waren und in schlimmster Weise erniedrigt wurden, ist es fast ein Wunder, dass der vor Jahren vom deutschen Projekt inszenierte Frauenfußball auf festen Füßen zu stehen scheint. Bisher wurden 20 Trainerinnen ausgebildet, und die Zahl der Fußball spielenden Mädchen beläuft sich im Großraum Kabul mittlerweile auf 400. Ob das in absehbarer Zukunft noch aufrechterhalten werden kann, wird allgemein bezweifelt. Zu stark ist nach wie vor die Aversion gegen Sport treibende Frauen und die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts.
Keramuddin Karim, Armee-General und Fußball-Präsident von Afghanistan, ist dennoch optimistisch: "Unser Sport wird sich auch in absehbarer Zeit behaupten", ist er sich sicher und verweist auf die Rolle des Fußballs in vielen Bürgerkriegen rund um den Globus. "Sehr oft hat er sich dabei als Friedensstifter erwiesen."