„Es ist die schützende Hand über mir, die verhindert, dass ich abstürze“
 Michaela Seidel


Ende April war sie es, die die richtigen Worte fand, drei Tage nachdem Robert Steinhäuser schwer bewaffnet in das Gu-tenberg-Gymnasium marschiert war und 16 Menschen erschoss und sich selbst richtete. Als Thüringens Landeshauptstadt in stiller Trauer versank, war Michaela Seidel diejenige, die vielen aus dem Herzen sprach. „Eine Schule ist eine Schule. Ein Gefängnis ist ein Gefängnis. Man kann nicht beides kombinieren“, formulierte sie damals in aller Klarheit auf einer Pressekonferenz im Rathaus und erklärte: „Diese Schule soll kein Mahnmal werden, sondern eine Schule bleiben. Sie hat uns zu den Menschen gemacht, die wir sind. Sie soll Menschen wieder ins Leben führen.“ Für ihren früheren Mitschüler Robert Steinhäuser habe sie weder Hass noch Mitgefühl übrig. „Das wäre für ihn eine Genugtuung. Ich möchte keine Gefühle gegen ihn hegen.“
Erwachsene Worte, zu denen sie unverändert steht. „Ich habe aus dem Bauch heraus gesprochen. Und es war das, was viele dachten“, sagt sie heute rückblickend. „Ich hatte das Gefühl, es muss jetzt irgendwie weitergehen.“ Die Medien und selbst der Bundespräsident haben sie damals zur Schülersprecherin gemacht, obwohl sie dieses Amt nie hatte. Sie ist vielmehr eine junge Frau, die aus bitteren Tiefschlägen Kraft und Klugheit schöpfte. Sie war dreizehn, als ihr Vater sich das Leben nahm. Sie entging nur knapp einer Vergewaltigung, indem sie ihren Peiniger in die Flucht schlug. Die Mutter ging nach Rostock, sie blieb bei der Oma in Erfurt. „Ich scheine das Unglück anzuziehen“, sagt sie. „So musste ich früh lernen, erwachsen zu werden und mit Trauer umzugehen.“
Jeder Einschnitt habe sie verändert, Maßstäbe verschoben. Wenn eine Freundin von ihrem Liebsten verlassen wird, reagiert Michaela gelassen: „Das geht vorüber.“ Es tut ihr gut, wenn sie Menschen etwas Mut geben kann. Dann haben diese unfairen Abschiede einen Sinn gehabt. Doch mit dieser Persönlichkeit wird es ihr zuweilen nicht leicht gemacht.
Die erste Ausbildung in einem Hotel musste sie nach kurzer Zeit abbrechen. Der 28-jährige Chef kam mit ihrer aufrechten Art nicht zu recht. Wer sie für eine Abiturientin mit Flausen im Kopf hält, beißt auf Granit. „Ich sage, was ich denke. Ich kann nicht anders. Und ich habe gelernt, zu meinen Entscheidung zu stehen, auch den falschen.“ Jetzt macht Michaela eine Ausbildung in einem Hotel in Weimar.
Doch ihre Wünsche sehen anders aus. Sie will Psychologie studieren, um die Dinge besser zu verstehen. Und sie will Lehrerin werden, um in der Oberstufe zu unterrichten. „Aber ich plane nicht mehr“, sagt sie, „es kommt sowieso anders.“ Mit dem Mut, den Tag zu genießen, hat sie die Lust am Leben wiedergefunden. Inzwischen treffen sich die einstigen Schüler wieder, um auch Spaß zu haben und zu feiern. „Das ist sehr wichtig.“ Zwischen ihnen sei ein Netzwerk entstanden, in dem die Freunde aufeinander acht geben. „Hier kann keiner wirklich tief fallen.“
Es war vielleicht ihre Talentlosigkeit in Mathe, die Michaela damals, an jenem unglückseligen 26. April, das Leben gerettet hat. An jenem Freitagvormittag verließ sie schon um 10.30 Uhr die Aula, weil sie mit ihrer Klausur nicht weiterkam. „Ich hatte alles hingeschrieben, was ich wusste. Was sollte ich mich weiter quälen?“ Am Ende bekam sie vier Punkte, das reichte. Sie sprach noch mit der stellvertretenden Direktorin Rosemarie Hajna über den bevorstehenden Abi-Ball, dann ging sie rüber ins Café, einem Treffpunkt der Gymnasiasten. Fünf Minuten später war Rosemarie Hajna tot.
Ein quälende Ewigkeit stand Michaela hinter der Scheibe des Cafés, bis alle Schüler befreit waren und die Zahlen und Namen bekannt wurden. „Für uns ist es unvorstellbar, eine solche Prüfung noch einmal abzulegen“, sagte sie dann vor Journalisten. Am Ende musste sie doch noch in eine mündliche Prüfung. Wirtschaft und Recht, es gab eine Drei. „Wir haben es für die getan, die nicht mehr da sind“, sagt Michaela Seidel.
Nach der Pressekonferenz bekam sie viele Interview-Anfragen. Doch erst ein Dreivierteljahr später spricht sie mit ihrem Mathelehrer in Kerners Sendung „Menschen 2002“. Sie nahm die ganze Familie mit, die Oma, die Schwester, die Mutter, die immer am Handy ist, wenn es ihrer Tochter nicht gut geht. Manchmal hört sie auch die neue Platte von Herbert Grönemeyer, der den frühen Tod seiner Frau und seines Bruders musikalisch verarbeitete: „Ich bin viel zu träge – um aufzugeben – es wär auch zu früh – weil immer was geht.“ Grönemeyers Musik hilft ihr: „Dann weiß ich, dass auch andere Menschen fühlen wie ich.“ Glücklich, sagt sie, bin ich, wenn ich mich aus einem Loch herausgekämpft habe. 2002 war so ein Loch. „Hoffentlich wird das nächste Jahr schöner.“