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Kein Spiel mehr: Personalnot in den Kitas

In den Kitas in Brandenburg und Sachsen ist das Personal knapp.
In den Kitas in Brandenburg und Sachsen ist das Personal knapp. FOTO: dpa
Cottbus/Falkenberg. Erzieher in der Lausitz arbeiten am Limit. Die Länder wollen mehr Stellen schaffen, aber Einrichtungen finden nur schwer Fachkräfte. Michèle-Cathrin Zeidler

Höhlen bauen, im Garten toben, Lieder singen und Streit schlichten - die Kita-Erzieher in der Lausitz arbeiten am Limit. Die Personalnot verschärft sich vielerorts zunehmend. Auch Carmen Göbel grübelt jeden Tag lange über den Dienstplan für ihre 13 Erzieherinnen in den ASB Kitas "Sonnenblume" und "Schmetterling" im Elbe-Elster-Kreis. "Ich plane mittlerweile nur noch mit Bleistift", erzählt die Leiterin. "Wir müssen jeden Tag kämpfen, um für die Kinder die bestmögliche Betreuung zu ermöglichen." Von 6 bis 17 Uhr kümmern sich die Erzieher in den zwei Einrichtungen um 166 Kinder. "Die Kleinen stehen dabei jeden Tag vor der Tür, egal ob einige Erzieher krank oder im Urlaub sind. Das ist eine Herausforderung", sagt Carmen Göbel.

In Brandenburg betreut in der Krippe gemäß Betreuungsschlüssel eine Erzieherin fünf Kleinkinder unter drei Jahren und bei den Kindergartenkindern ist eine Erzieherin für zwölf Kinder verantwortlich. Dieses Verhältnis soll sich nun verbessern.

Die dafür notwendigen gesetzlichen Regelungen hat das brandenburgische Kabinett Anfang Mai im Umlaufverfahren beschlossen. "Vorgesehen ist eine Aufstockung des pädagogischen Personals für die Betreuung von Kindern ab drei Jahren bis zur Einschulung", heißt es aus dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Die Aufstockung der Fachkräfte erfolge in zwei Schritten bis 2018. "Am 1. August soll der Personalschlüssel bereits von zwölf auf 11,5 Kinder pro Erzieher und ein Jahr später von 11,5 auf elf Kinder pro Erzieher verbessert werden", erklärt Ralph Kotsch, Leiter des Referats Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Ministerium. Trotz gegenteiliger Hinweise aus den Kitas stellt er klar: "Bisher läuft die Umsetzung planmäßig. Die Verbesserungen wurden nicht auf Eis gelegt." Insgesamt werden für den neuen Personalschlüssel knapp 500 Stellen mehr geschaffen. Das Land trägt die entstehenden Mehrkosten in vollem Umfang und stellt dafür rund 25 Millionen Euro für die Jahre 2017/18 zur Verfügung.

Auch Sachsen investiert aktuell in die Kinderbetreuung: Nachdem im Kindergarten der Betreuungsschlüssel im September 2016 bereits auf eins zu zwölf verbessert wurde, beginnt das Land im kommenden September auch in der Krippe mit der schrittweisen Änderung von eins zu sechs auf eins zu fünfeinhalb.

"Ab dem 1. September 2018 ist dann schließlich eine Erzieherin in der Krippe für fünf Kinder verantwortlich", erklärt Manja Kelch, Referentin im sächsischen Staatsministerium für Kultus. "Für die Verbesserung des Personalschlüssels wendet der Freistaat Sachsen von 2015 bis 2018 insgesamt rund 140 Millionen Euro auf."

Carmen Göbel befürwortet die Verbesserungen des Betreuungsschlüssels, sieht aber Probleme. "Auf dem Markt finden sich schon aktuell keine freien Fachkräfte" sagt die Leiterin, die bereits lange nach neuen Kollegen für ihr Team sucht. "Das funktioniert fast nur über Abwerbung aus einer anderen Kita." Aus diesem Grund ist die Einrichtung dazu übergegangen, neue Fachkräfte selbst auszubilden. "Gute Praktikanten sichern wir uns schon frühzeitig für eine Anstellung nach der Ausbildung", verrät die Erzieherin, die sich bereits auf neue Verstärkung mit Ende des Ausbildungsjahres freut. "Mittlerweile gehen wir sogar schon in die Schulen, um das Interesse für den Beruf zu wecken."

Die Agentur für Arbeit Cottbus bestätigt diese Entwicklung. "Erstmals sind Fachkräfte in der Kinderbetreuung unter den Top Ten der am meisten gemeldeten Arbeitsstellen", sagt Lars Albrecht, Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Aktuell gebe es 106 freie Stellen. Eine Entspannung der Lage erwartet Lars Albrecht ebenfalls zum Herbst. "Ende August sind viele Auszubildende ausgelernt", so der Experte für den Arbeitgeberservice.

Auch die Agentur für Arbeit Bautzen verzeichnet eine steigende Anzahl bei den Arbeitsstellen in der Kinderbetreuung. "Im Landkreis Bautzen konnten die Arbeitsvermittler im Mai 40 Arbeitsstellen aus diesem Bereich vermitteln, neun Stellen mehr als im Mai 2016 und 28 Stellen mehr als im Mai 2011", sagt Thomas Berndt, Vorsitzender der Geschäftsführung. Insgesamt werden aktuell im Kreis Bautzen 97 Fachkräfte für die Kinderbetreuung gesucht und im Kreis Görlitz 57. Im Schnitt dauere es keine drei Monate, bis eine Stelle besetzt werden konnte.

Daher möchte das Kultusministerium in Sachsen auch nicht von einer generellen Personalnot sprechen. Allerdings habe es in letzter Zeit einzelne Überlastungsanzeigen gegeben, das Landesjugendamt gehe dem aber nach. "In den vergangenen Jahren konnte die Ausbildung von Erziehern deutlich erweitert werden. Derzeit finden die sächsischen Kindertageseinrichtungen daher in der Regel die benötigten Fachkräfte", so Manja Kelch weiter.

Für Brandenburg ist Barbara Eschen, die Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, da anderer Meinung. Sie sieht einen "eklatanten" Fachkräftemangel. "Überall in Brandenburg gibt es freie Stellen als Erzieher, auch in den 160 Kitas der Diakonie", so die Direktorin. "In der Folge gibt es Kitas, die nicht alle möglichen Plätze belegen können, weil die Fachkräfte fehlen." Dieses Problem kennt auch Carmen Göbel. "Wir haben bis September 2018 keine freien Plätze mehr", so die Leiterin aus dem Elbe-Elster-Kreis. Sie erwartet in den nächsten Jahren eine Verschärfung der Situation. "Einige junge Kolleginnen wollen selbst Nachwuchs bekommen und in den nächsten fünf Jahren gehen sechs meiner Stammerzieher in Rente", erklärt Carmen Göbel. Auch Lars Albrecht von der Agentur für Arbeit Cottbus führt als Grund für den steigende Personalnot die Demografie an: "Viele Teams sind überaltert. Das macht sich jetzt bemerkbar." Direktorin Barbara Eschen sieht noch einen anderen Aspekt an: "Tatsächlich ging man jahrelang davon aus, dass es genug Absolventen der Erziehungsfachschulen gibt. Das ist bizarr, denn die Realität sieht ganz anders aus: Es fehlen Fachkräfte." Daher begrüßt sie den Beschluss des Landtages, den Fachkräftebericht für den Bereich der Kindertagesbetreuung fortzuschreiben. Aufgrund der schweren Arbeitsbedingungen würden heute viele ausgebildete Erzieher in andere Arbeitsfelder gehen oder weiter studieren. "Der Betreuungsschlüssel ist auch nach den Korrekturen noch extrem ungünstig", findet Barbara Eschen. Eine einzelne Erzieherin müsse sich um zu viele Kinder kümmern: "Es fehlt nach wie vor an Zeit für die Leitung der Kita und an Zeit für Vor- und Nachbereitung. Urlaub und Vertretungszeiten sind nicht eingeplant." Daher fordert sie auch eine weitere Verbesserung des Betreuungsschlüssels in den Kitas und bessere Rahmenbedingungen für Kinder und Erzieher.