Im Herbst geht es los. Dann wird an den ersten Schulen in Sachsen der Unterricht mit Tablets ausprobiert. Das Pilotprojekt "Klassenzimmer der Zukunft" biegt damit auf die Zielgerade. Lange hat das Kultusministerium in Dresden die Premiere vorbereitet. Schon vor einem Jahr haben Wissenschaftler der TU Chemnitz begonnen, neue Unterrichtsformen mit mobilen Geräten zu entwickeln. Es geht um pädagogische Vorteile für Schüler, um den Wandel hin zum individualisierten Unterricht. Aber auch darum, bei der Technisierung der Schulbildung nicht hinten anzustehen.

Denn immer mehr Schüler wischen zu Hause ohnehin ganz selbstverständlich auf ihren mobilen Endgeräten herum. Sie schauen auf Tablets oder internetfähigen Smartphones Filme, chatten mit ihren Kumpels oder spielen. Weil sich die Entwicklung in der Informations- und Kommunikationstechnologie immer schneller dreht, müssen auch Schulen Schritt halten. Nur die tun sich bislang schwer, die Geräte im Unterricht zu nutzen. Zu groß sind gerade unter Lehrern die Sorgen, die analogen Lerninhalte könnten zu kurz kommen. Das sieht Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) gelassen: "Wenn es jetzt gerade in ist, über die digitale Bildung zu sprechen, heißt das nicht, dass das Buch aus dem Unterricht verschwindet und nur noch Tablets und digitale Tafeln genutzt werden." Bildungsgrundlagen wie das Lernen von Gedichten, das Lesen von Büchern, Schreibschrift und Orthografie würden schon nicht zu kurz kommen, da ist Kurth zuversichtlich.

Einzug der digitalen Moderne

Wenn nun also an Sachsens Oberschulen die digitale Moderne anbricht, dann sind die Lehrer darauf vorbereitet. Mit diesem bundesweit beispielhaften Projekt kommt der Freistaat einerseits recht spät, geht andererseits auch noch andersherum. Das habe aber Vorteile, wie die amtierende Chefin der Kultusministerkonferenz Kurth betont: Man kann so aus den Fehlern der anderen lernen. In etlichen Bundesländern wurden zuerst die Schulen mit Tablets ausgestattet und erst danach die Lehrer fortgebildet. Sachsen-Anhalt setzt auf "Bring-Your-Own-Device"-Konzepte - an bereits 15 Schulen dort können die Schüler ihr eigenes Teil für den Unterricht mitbringen. Der Erfolg wurde noch nicht geprüft, heißt es aus Magdeburg, aber mehr als 30 Schulen wollen bereits nachziehen.

Doch ein Koffer voller Geräte bringt wenig, wenn er ungenutzt im Schrank verstaubt, während ständig neue Technik auf den Markt kommt. Zu klären ist auf Ebene der Länder und der Schulträger zudem, wer bezahlen soll für Geräte und Instandhaltung. Grundsätzlich aber, davon geht Projektleiter Christoph Igel aus, werde IT-Technologie in der Schule bald "so selbstverständlich sein wie das Schulbuch".

Brandenburg Vorreiter

In Brandenburg ist die Technik bereits an 120 öffentlichen Schulen selbstverständlich. Dort werden in sogenannten Tablet-Klassen Notebooks und Tablets eingesetzt. Bildungsminister Günter Baaske (SPD) setzt dabei auf Freiwilligkeit: Wenn Schulträger, Lehrer und Eltern einverstanden sind, können Geräte angeschafft werden, lässt sein Haus auf Anfrage wissen. Zuständig für die Anschaffung sind die kommunalen Träger - das Ministerium springt nur auf Wunsch mit pädagogischer Beratung und Fortbildung ein. Das Bildungsministerium hat in den Rahmenlehrplan vom November 2014 ein Basiscurriculum Medienbildung eingebaut - demnach sollen Schüler zum Ende der Sekundarstufe I das Wichtigste über Medien wissen. Schon in der Primarstufe ist Handy dran - gerade mit Blick auf dessen Suchtpotenzial.

Den Gebrauch von Smartphones regeln Brandenburgs Schulen intern. Zwei Drittel der Schulen verbieten das Handy grundsätzlich. Die meisten Eltern hätten auch kein Problem damit, wenn die Geräte vom Lehrer notfalls entzogen würden, so das Ministerium. "Was natürlich gar nicht geht", sagt Baaske, "dass im Unterricht gedaddelt wird, während sich die Lehrer vorne abmühen."

Frau Kurth, bundesweit gibt es aktuell weniger als 200 Tabletklassen. Warum kommt die Sache nicht in Gang?
Meiner Meinung nach bringt es gar nichts, Schulen einfach mit neuester Technik auszustatten. Allein ein Tablet auf die Schulbank zu legen, löst das Problem noch lange nicht. Es hängt eindeutig von der Kompetenz der Lehrer ab. Lehrer brauchen einen behutsamen Weg, einen nachhaltigen Weg, sie müssen die erforderlichen Kompetenzen entwickeln, es müssen Konzepte da sein. Der Erfolg von Unterricht, auch im Hinblick auf Medienbildung, hängt von der Kompetenz der Lehrer ab.

Mit Extra-Fächern namens "Medienbildung" experimentieren einige Länder bereits. Sie halten nichts davon?
Ich halte generell von der Einführung neuer Unterrichtsfächer, einem Mainstream folgend, nichts. Dann könnten wir die Stundentafel gleich so weit erweitern, dass der Schüler täglich zwölf Stunden im Unterricht sitzt. Wir müssen nicht für jedes Thema ein Unterrichtsfach erfinden. Da könnten wir auch über gesunde Ernährung oder Ähnliches reden. Der Erfolg ist nicht garantiert, nur weil etwas in der Stundentafel steht.

In welchem Alter kann man einem Kind guten Gewissens ein Tablet in die Hand drücken?
Diese Frage würde ich in erster Linie an die Familien weitergeben. Die Familie hat in der Erziehung sehr viel engeren Kontakt zum Kind als die Schule. Die Familie sollte auch entscheiden, gegebenenfalls mit der Schule gemeinsam, wann ein Kind so ein Gerät bekommt. Es geht auch darum, wie begleite ich den Einsatz digitaler Medien. Unkontrollierter Medienkonsum ist noch niemals förderlich gewesen. Hier haben die Eltern eine hohe Verantwortung und die Schule ebenso. Den Schülern muss vermittelt werden, wie man mit der Medienflut umgeht, wie man sortiert und richtig einordnet.

Sachsen will im kommenden Schuljahr ausgewählte Schulen mit Tablets versorgen. Wie soll das laufen?
Wir haben mit einer Gruppe von Wissenschaftlern begonnen, diesen behutsamen Weg in Sachsen zu beschreiten. Dabei steht die konzeptionelle Arbeit im Vordergrund. Auch die kommunale Familie ist mit dabei, es geht um Datenschutz, um rechtliche und finanzielle Themen. Anschließend werden wir an Modellschulen Tablets einsetzen, wo die Lehrer, die jetzt gerade damit fortgebildet werden, diese Tablets im Praxiseinsatz testen werden. Auf dieser Basis wird anschließend die Lehrerfortbildung intensiviert. Das ist unser behutsamer konzeptioneller, sächsischer Weg.

Die Befürchtung, Schüler könnten mit ihrem Tablet im Unterricht rumdaddeln statt zu lernen, ist die berechtigt? Oder wird das überschätzt?
Es wird sicher überschätzt. Aber da sind wir wieder bei der Frage: Wie kompetent ist der Lehrer beim Einsatz solcher Geräte. Wie methodisch-didaktisch geschickt setzt er sie ein. Genau deshalb darf es den schnellen Weg, Tablets an die Schulen zu schütten, nicht geben.

Natürlich kann man niemals ausschließen, dass der eine oder andere Schüler mal ein paar Minuten abschweift. Das war in unserer Schulzeit nicht anders. Trotzdem finde ich, dass der richtige Einsatz von Tablets einen Mehrwert bringt.