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Kein idealer Ort für Flüchtlinge

FOTO: Glossmann
Lübbenau. Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Die Landkreise müssen schnell Unterkünfte finden. Je ländlicher der Standort, um so größer der Widerstand dagegen. Verwaltungszwänge treffen auf gefühlte Überforderung. Simone Wendler

Kittlitz, ein Ortsteil von Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) war bis vor wenigen Wochen nur Ortskundigen ein Begriff. 137 Einwohner hat das Dorf, gelegen im Winkel des Autobahndreiecks Spreewald. Viele renovierte Häuser, vereinzelt Neubauten, viel Gartenland und Wiese, ein paar Schafe.

Doch dann gab der Oberspreewald-Lausitz-Kreis im März bekannt, dass zum Jahresende aus der Förderschule in Kittlitz ein Asylbewerberheim werden soll mit eben so vielen Bewohnern, wie Dörfler dort leben. Die Kittlitzer waren schockiert und sträubten sich.

Dann brannte der Dachstuhl des Asylheims in Tröglitz in Sachsen-Anhalt, und überregionale Medien wurden auf Kittlitz aufmerksam. Journalisten bevölkerten die Dorfstraße. Als eine überregionale Zeitung die Schlagzeile "Spreewalddorf wütet gegen Asylbewerber" bringt, wirft der bisherige Ortsvorsteher hin.

Volkmar Schlosshauer ist seit wenigen Tagen sein Nachfolger. Der 62-Jährige hofft noch, dass weniger als 130 Asylbewerber in die Förderschule einziehen. Auch sein Vorgänger hatte ein "faires Verhältnis" von Einwohnern und Flüchtlingen gefordert. Die Chancen dafür stehen schlecht.

Denn für Oberspreewald-Landrat Siegurd Heinze (parteilos) richtet sich der Blick nicht auf den Ortsteil, auch wenn der isoliert fünf Kilometer von der Stadt entfernt liegt, sondern auf ganz Lübbenau. Die zweitgrößte Stadt im Kreis habe bisher nur 30 Asylbewerber in Einzelwohnungen aufnehmen müssen. Und Heinze bekennt freimütig: "Wir haben im Moment keine Alternative."

Im vorigen Jahr hatte sein Kreis 260 Flüchtlinge neu aufnehmen müssen. In den ersten vier Monaten diesen Jahres waren es schon 175. Das sind bereits zwei Drittel der bisherigen Jahresprognose von 450 Neuankömmlingen bis Dezember.

Für zwei bis drei Jahre sei der Kreis deshalb auf die im eigenen Besitz befindliche Schule in Kittlitz angewiesen, sagt Heinze. Bis dahin soll es nach derzeitigem Plan eine neue Gemeinschaftsunterkunft in der Lübbenauer Neustadt geben.

Für Journalisten ist Kittlitz inzwischen ein feindseliger Ort. Fenster werden kurz geöffnet und wortlos wieder geschlossen. "Was schreiben Sie da, gehen Sie weiter", schimpft ein Mann über den Gartenzaun. Eine ältere Frau, die sich kurz auf ein Gespräch einlässt, fasst zusammen, was manche Dörfler umtreibt: "Wir haben Angst, dass die nicht richtig betreut werden, dass die uns dann belästigen und beklauen, die haben ja Zeit." Und 130 Fremde im Dorf seien einfach zu viel. Ortsvorsteher Schlosshauer beschreibt die Stimmung im Dorf inzwischen als "abwartende Ruhe". In zwei Wochen soll es eine Einwohnerversammlung geben.

In Zützen, einem Ortsteil von Golßen (Dahme-Spreewald) ist die Lage ähnlich. Hier stellen sich 350 Einwohner gegen die Unterbringung von 100 Flüchtlingen in leer stehenden Wohnungen. Auch hier argumentiert der Kreis mit der fehlenden Alternative. 720 neue Plätze braucht der Landkreis Dahme-Spreewald in diesem Jahr nach bisherigen Schätzungen, doch vermutlich noch mehr.

Alle Landkreise befinden sich in derartigen Zwickmühlen. Die schnell steigende Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge bestimmt, wie viele Schutzsuchende jeder Kreis unterbringen muss. Doch geeignete, freie und kostengünstige Quartiere stehen oft nicht dort, wo sie mit ihren Kapazitäten gut zum Umfeld passen. "Den idealen Standort, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind, gibt es nicht", schätzt Oberspreewald-Lausitz-Landrat Siegurd Heinze ein.

Doch die Zumutung ist oft beidseitig. Auch für in Deutschland gerade angekommene Asylbewerber sind abgelegene Dörfer ohne Infrastruktur kein erstrebenswerter Lebensort. In Kittlitz, wo in acht Monaten 130 Flüchtlinge leben sollen, gibt es keinen Laden, keinen Bäcker, keine Busverbindung nach Lübbenau. Eine Buslinie soll eingerichtet werden. Der Fußmarsch in die Stadt dauert mindestens eine Stunde.

Unmut, Ablehnung, und offene Vorurteile gegen Fremde zeigen sich jedoch auch unabhängig von solchen Größenmissverhältnissen wie in Kittlitz oder Zützen nahezu überall, wo neue Asylunterkünfte geplant werden. Diffuse Ängste mischen sich dabei mit rassistischen Klischees.

Wenn die Flüchtlinge eingetroffen sind, beruhigt sich die Situation jedoch oft recht schnell wieder. Und nahezu überall bilden sich Netzwerke von Unterstützern. Zum Beispiel im Schullandheim am Senftenberger See.

Anfang November vorigen Jahres kochten die Emotionen in einer überfüllten Einwohnerversammlung in Senftenberg hoch, als bekannt wurde, dass etwa 30 Flüchtlinge in dem kleinen Anwesen direkt am Senftenberger See leben sollen. Angst um den Tourismus, um die Kinder einer benachbarten Kita wurden vorgebracht, der Verlust "eines Sahnestückes" am See beklagt.

"Sicher ist mancher Anwohner noch skeptisch, aber es gibt keine Probleme, von denen ich wüsste", sagt Kathrin Tupaj, Integrationsbeauftragte des Oberspreewald-Lausitz-Kreises, jetzt ein halbes Jahr später. Syrer, Afghanen, Serben wohnen am See. Einige seien als Flüchtlinge anerkannt und schon in Wohnungen umgezogen. Mehrmals pro Woche unterrichten freiwillige Helfer die Flüchtlinge in deutscher Sprache.

Auch in Lauchhammer sei eine neue Asylunterkunft zunächst auf Ablehnung gestoßen, so Tupaj. Doch auch da sei es inzwischen ruhig. "Es gab von Anfang an dort einen runden Tisch, viele Helfer und Beschäftigungsangebote für die Flüchtlinge."

Sachsen bietet ein ähnliches Bild, zum Beispiel der Landkreis Bautzen. Vor einem Jahr stemmte sich dort eine Bürgerinitiative dagegen, dass ein Hotel am Bautzener Stausee zum Asylquartier wurde. Das "Spree-Hotel" steht im Ortsteil Burk. Der hat 350 Einwohner und einen Campingplatz der gehobenen Preisklasse. Die Campingplatz-Betreiber klagten sogar gegen die Umnutzung, doch vergeblich.

Heute wohnen mehr als 200 Flüchtlinge im "Spree-Hotel". "Unser Beliebtheitsgrad in der Umgebung ist nicht hoch, doch es ist ruhig geworden", sagt Heimchef Peter-Kilian Rausch. Anfangs waren Rechtsextremisten bei ihm vor der Tür aufmarschiert. "Wir gehen jetzt mit großen Schritten in Richtung Normalität", schätzt er ein. Ein Satz, in dem auch Hoffnung mitschwingt.

Was vor einem Jahr das "Spree-Hotel" ist nun der Greenpark im Nordosten von Bautzen. In einer Gewerbeimmobilie wird schrittweise eine Gemeinschaftsunterkunft für bis zu 260 Bewohner eingerichtet. Eine Bürgerinitiative ist dagegen.

An ihrer Spitze steht Christian Haase, 67-jähriger Ingenieur im Ruhestand. "Wir sind nicht gegen das Heim", versichert er, "aber gegen die Größe." Nicht mehr als 100 Heimbewohner wollen die Anwohner hinnehmen, auch im Interesse der Flüchtlinge. "Ein größeres Heim ist nicht steuerbar", ist Haase überzeugt.

Doch die Bürgerinitiative will nicht um jeden Preis weiterkämpfen. "Wenn es bei der Entscheidung des Landkreises bleibt, warten wir erst mal ab", sagt Haase. Mit den rund 50 Asylbewerbern, die bereits da seien, gebe es keine Probleme. Der zweite Bauabschnitt für weitere 50 Plätze steht kurz vor der Fertigstellung.

"Wir informieren die Bürger, sobald klar ist, dass eine Unterkunft errichtet wird", sagt Gritt Borrman-Arndt. Sie ist für das Asylthema in der Kreisverwaltung Bautzen zuständig. Nicht immer könnten alle Fragen, die auf Einwohnerversammlungen gestellt würden, sofort beantwortet werden. Wie viele Ängste und Bedenken ehrlich seien oder nur vorgeschoben, will sie nicht beurteilen: "Ich kann den Leuten nicht in die Köpfe sehen."

Auch in Neukirch im Süden des Landkreises Bautzen gab es vor zwei Wochen noch mal eine Einwohnerversammlung. Auch dort entsteht ein Asylbewerberheim mit 40 Plätzen. Im Dezember, nach Bekanntwerden der Pläne, hatten 350 Menschen im Ort dagegen demonstriert. Ihre Plakate waren nicht misszuverstehen. "Neukirch bleibt deutsch" stand auf einem und auf einem anderen: "Bitte flüchten sie weiter. Es gibt hier nichts zu wohnen." In Kürze werden die ersten Flüchtlinge in Neukirch ankommen.

Der Ortsvorsteher und ein zweiter Ortsbeirat von Kittlitz waren auf Einladung des Oberspreewald-Lausitz-Landrates am vorigen Freitag in Sedlitz, wo es seit vielen Jahren eine Asylunterkunft gibt. "Das war hilfreich, das hätte ich mir eher gewünscht", sagt Ortsvorsteher Volkmar Schlosshauer. Die Erfahrungen aus Sedlitz will er auf der Einwohnerversammlung in zwei Wochen an die Kittlitzer weitergeben. Nur wer im Ort wohnt, bekommt dazu Einlass.