Zum Geburtstag der Friedlichen Revolution erwartet Leipzig an diesem Donnerstag an die 100 000 Leute. Deutlich mehr als die 70 000, die vor 25 Jahren durch die Innenstadt marschierten. Wie damals will es Leipzig diesmal mit einer gigantischen Gedenkfeier zurück in den Mittelpunkt der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit schaffen.

Jedenfalls haben sich prominente Gäste aus aller Welt angesagt. Das ZDF überträgt, wenn am Donnerstagvormittag Bundespräsident Joachim Gauck im Gewandhaus seine Rede zur Demokratie hält. Gastgeber sind Stadt und Freistaat. Zum Friedensgebet in der Nikolaikirche werden die Staatsoberhäupter von Tschechien, der Slowakei, Polens und Ungarns erwartet. Noch nicht sicher ist, ob auch Ex-Bundesaußenminister und Wendeheld Hans-Dietrich Genscher kommt, lässt das Rathaus wissen.

Beim Friedensgebet, das wie im Herbst 1989 in der Nikolaikirche stattfindet, wird der Ex-US-Außenminister James A. Baker sprechen, auch das mit Live-Übertragung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mit Baker reist eine 30-köpfige Delegation aus den USA an, darunter auch der deutschstämmige Ex-Außenminister Henry Kissinger. Aus Kiew, der Partnerstadt Leipzigs in der Ukraine, sollen 20 offizielle Vertreter kommen.

Am Abend startet am Augustusplatz der Lichterumzug durch die Innenstadt. Der "emotionale Höhepunkt" des Gedenktags soll nach Erwartungen des veranstaltenden Stadtmarketings um die 100 000 Menschen anziehen, die auf der Route der friedlichen Revolutionäre von 1989 marschieren. Den 3,6 Kilometer langen Weg säumen Künstler mit ihren Projekten an über 20 Stationen. Um die Anreise zu erleichtern, wurden bei der Bahn Sonderzüge bestellt. Zum 20. Jahrestag 2009 machten sogar 150 000 beim Lichtfest mit.

Auf den Feiertag folgt ein ganzes Feierwochenende. Etliche Kultureinrichtungen in der Stadt machen bis Sonntag etwas zum Thema 1989. Die authentischen Orte der Friedlichen Revolution sind Teil eines Panoramas, das das Lichtfest Leipzig über den 9. Oktober hinaus begleiten soll.

Wo so viele auf einem Haufen feiern, sind die Meckerer nicht weit. Das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer schrieb entnervt von einem "faden wie dickflüssigen Brei an schwülstiger Emotionalität". Das Lichtfest sei als Gedenkform ungeeignet und erinnere an Fackelmarsch und Prozession. Indes, eine bessere Weise, die Friedliche Revolution zu feiern, hat noch niemand gefunden. Die Veranstalter halten das Gesamtpaket sehr wohl für geeignet, den Freiheitsgeist und bürgerlichen Gemeinschaftssinn aus dem Wendeherbst wachzurufen. Anders als 2009 wurde diesmal auch nicht versehentlich vergessen, die Zeitzeugen aus den demokratischen Basisinitiativen zum Festakt einzuladen.

Was allerdings fehlen wird, ist das Freiheits- und Einheitsdenkmal. Das sollte laut Plan pünktlich zur Feier enthüllt werden. Doch ist das erinnerungspolitische Kernprojekt von Bund, Land und Stadt nicht nur nicht fertig. Es muss nach peinlichsten Planungsquerelen komplett neu begonnen werden. Eine Blamage für die Heldenstadt, die der Feierpomp gerade eben so kaschiert. Umso mehr zählt nun die gelungene Party.