"Der Berg kreiste und gebar nur heiße Luft", fasst der Lübbener Amtsrichter Rainer Rörig zu Anfang seiner Urteilsbegründung die dreistündige Hauptverhandlung zusammen. Er spricht den angeklagten Dirk Sch. vom Vorwurf frei, den damals 16-jährigen Sven M. im Dezember 2012 mit drei bis vier Ellenbogenschlägen an den Kopf traktiert zu haben. An der Aussage des mutmaßlichen Opfers, dem wichtigsten Beweis, gebe es ganz erhebliche Zweifel.

Ereignet haben sollte sich der Vorfall, über den in Lübben am Dienstagvormittag am Amtsgericht verhandelt wird, drei Tage vor Heiligabend 2012 im Haasenburg-Heim in Jessern am Schwielochsee. Die Haasenburg GmbH, der Ende 2013 die Betriebserlaubnis entzogen wurde, war ein privater Heimbetreiber mit drei Standorten.

Dieser Betreiber bot auch eine geschlossene Unterbringung für besonders problematische Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland an, für die ein Gerichtsbeschluss nötig ist. Sven M. war einer dieser Jugendlichen. Und Vorwürfe, wie er sie anfangs bei der Staatsanwaltschaft geschildert hatte, hatten maßgeblich zur Schließung des Heimes durch das Brandenburger Bildungsministerium geführt.

Im Sommer 2013 waren unter dem Titel "Horror am Waldrand" in einem Zeitungsbericht die Haasenburg-Heime als Orte systematischer Erniedrigung und Misshandlung Jugendlicher beschrieben worden. Bundesweit wurde danach darüber berichtet, ein Untersuchungsausschuss des Ministeriums eingesetzt. Viele ehemalige Heimbewohner erstatten dann Anzeige, darunter auch eine Anwältin im Auftrag der Mutter von Sven M..

Es ging dabei um eine "Antiaggressionsmaßnahme", wie solche Aktionen im Sprachgebrauch der Haasenburg genannt wurden. Der angeklagte Dirk Sch. und ein als Zeuge geladener ehemaliger Kollege, die sich bisher im Ermittlungsverfahren nicht geäußert hatten, schildern vor Gericht, wie sich das abgespielt haben soll.

Mit regelmäßig geübten Griffen seien Jugendliche, die "ausgerastet" seien, damit fixiert worden, um sie zur Ruhe zu bringen und wieder ansprechbar zu machen. Dazu drehten zwei Mitarbeiter jeweils eine Hand des Jugendlichen nach vorn ein, um ihn festzuhalten. Reichte das nicht aus, wurde er bäuchlings zu Boden gedrückt. Ein weiterer Mitarbeiter hielt seine Beine über Kreuz nach oben angewinkelt, ein vierter seinen Kopf flach auf dem Boden.

Im Rahmen einer solchen Aktion sollte Sch., damals pädagogische Stützkraft, an dem Dezemberabend Sven M. die Ellenbogenschläge verpasst haben. Der Jugendliche sollte laut Anklage davon eine Verletzung am Ohr davongetragen haben. Sch., ein massiger 27-Jähriger, dem man durchaus erhebliche Körperkraft zutrauen kann, bestreitet das vor Gericht vehement.

An dem Dezemberabend sei er zur Unterstützung eines Kollegen zum Zimmer von Sven M. gerufen worden. Der sei hoch aggressiv gewesen, habe auf seinem Bett gestanden und sei schließlich mit Fäusten auf den Kollegen losgegangen. Daraufhin sei er in der beschriebenen Weise auf den Boden gelegt und festgehalten worden. "Ich habe ihn nicht geschlagen", versichert der Angeklagte.

Auf Nachfrage des Richters nach der Verletzung am Ohr des Jugendlichen vermutet er, dass die vom rauen, weil feuerfesten, Teppichboden der Einrichtung stammte.

Der ehemalige Erzieher, gegen den Sven M. damals losgegangen sein soll, bestätigt als Zeuge die Angaben des Angeklagten. Der 32-Jährige schildert, dass der Jugendliche in seinem Zimmer randaliert, gegen Fenster und Türen geschlagen habe: "Der hat alle Gesprächsangebote abgelehnt, dann ist er mit Fäusten auf mich los." Und er versichert, seinen ehemaligen Kollegen nicht zu decken: "Wenn der zugeschlagen hätte, hätte ich das gemeldet."

Nach der körperlichen Überwältigung sei Sven M. ins Krankenhaus gebracht worden, weil er über Schmerzen in seinem Handgelenk geklagt habe. Im ärztlichen Bericht, der später verlesen wird, ist von einer Prellung der Hand und einer Schürfwunde am Ohr die Rede. Kein Hinweis auf eine blutende Nase oder aufgeplatzte Lippe.

In der Urteilsbegründung ist das neben Widersprüchen in früheren Angaben des Jugendlichen ein weiterer Punkt für den Zweifel an seinen Vorwürfen. Bei der Staatsanwaltschaft hatte Sven M. gesagt, er habe "im Blut gelegen". Dass ein Arzt kurz danach nichts davon gesehen habe, sei nicht vorstellbar, so der Richter.

Sven M., der inzwischen 18 Jahre alt ist, will als Zeuge vor Gericht eigentlich gar nichts mehr sagen. Er habe damit abgeschlossen. Wie er sagt, lebt er inzwischen in Thüringen ohne Obdach. Ihm drohe auch das Gefängnis, Bewährungswiderruf. Medikamente, die er lange nahm, habe er selbst abgesetzt.

Trotz mehrfacher Nachfragen durch den Richter ist er nicht in der Lage, die Ereignisse an dem fraglichen Abend nachvollziehbar zu schildern. Er spricht stockend, kaum in ganzen Sätzen. Auf Nachfrage der Staatsanwältin, ob der denn überhaupt noch eine Erinnerung an den Abend habe, sagt er : "Nein."

Rechtsanwalt Jens Hennersdorf, der den Angeklagten verteidigt, hält Sven M. noch einen, wenige Tage nach dem Zwischenfall von ihm verfassten "Tagesbericht" vor. M. bestätigt, dass er den geschrieben habe. Darin hatte er erklärt, dass er sich bei den an der Maßnahme beteiligten Erziehern entschuldigen möchte. Nach dreieinhalb Stunden Verhandlung sind sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung einig, dass Dirk Sch. freigesprochen werden muss.

Bei der Staatsanwaltschaft Cottbus liegen weitere derartige Ermittlungsverfahren. Etwa ein Dutzend wurde bereits eingestellt. Ein ehemaliger Erzieher erhielt im Januar eine Bewährungsstrafe wegen eines sexuellen Verhältnisses zu einer Minderjährigen im Heim.

Zum Thema:
Die Haasenburg betrieb drei Heime mit insgesamt über einhundert Plätzen in Neuendorf am See, Jessern (beide Dahme-Spreewald) und Müncheberg (Märkisch Oderland).Im Sommer 2013 stoppte das Brandenburger Bildungsministerium neue Aufnahmen in die Einrichtung. Im Oktober stellte eine Untersuchungskommission in ihrem Bericht gravierende Mängel fest. Im Dezember 2013 entzog das Ministerium der GmbH die Betriebserlaubnis. Die juristische Auseinandersetzung über die Rechtmäßigkeit des Entzuges dauert an. sim