Ein Gericht im sibirischen Tschita, das seit gestern darüber berät, vertagte sich gleich nach Beginn der Anhörung. Die wenigen Äußerungen des Richters zu Beginn der Anhörung lassen jedoch wenig Hoffnung - eine Hoffnung auf Entlassung hegten Chodorkowskis Anwälte und seine Familie sowieso nicht: Sie sind davon überzeugt, dass der einstige Star-Unternehmer auf Wunsch von Moskaus Politspitze so lange im sibirischen Straflager bleiben wird, bis er weitgehend vergessen ist.

Konzern zerschlagen
Chodorkowskis Karrieresturz könnte nicht tiefer sein. Im Oktober 2003 wird er wegen Steuerhinterziehung festgenommen. Der quälend lange Prozess mündet im Mai 2005 in einem harten Urteil: neun Jahre wegen Betrugs und Steuerhinterziehung. Die Strafe wird später auf acht Jahre reduziert. Sein Yukos-Konzern wird faktisch zerschlagen und im Jahr 2006 einem Konkursverwalter unterstellt.
Der einstige Milliardär sitzt derweil Tausende Kilometer von Moskau entfernt in einem sibirischen Straflager. Mal muss er in Isolationshaft, mal wird er von einem Mithäftling mit dem Messer angegriffen, und zwischendurch erleidet er kleine Schikanen der Gefängnisverwaltung, wie ein Mithäftling berichtet. Chodorkowskis Stiftung muss schließen, ebenso seine Schule für Waisenkinder. Seine politischen Kommentare werden kaum noch wahrgenommen. Im vergangenen Oktober dann hat er mehr als die Hälfte seiner Strafe verbüßt und könnte - wie in Russland üblich - wegen guter Führung freikommen. Doch genau zu dem Zeitpunkt bezeugt ein Mitinsasse, dass Chodorkowski beim gemeinsamen Hofgang nicht wie vorgeschrieben die Hände auf dem Rücken verschränkt habe. Der Zeuge, der mehrfache Autodieb Igor Gnesdilow, kommt vorzeitig frei - Chodorkowski nicht. Später gesteht Gnesdilow, dass er die Falschaussage nur unterschrieben habe, um freizukommen und seinem mit einer Mitinsassin gezeugten Kind das Waisenhaus zu ersparen. Geschichten wie diese lassen die Versicherungen von Chodorkowskis Anwälten und seiner Familie glaubwürdig erscheinen, der 45-Jährige sei einem grausamen Rachefeldzug von ganz oben ausgesetzt.
Begonnen hatte die Niederlage des früheren Ölmilliardärs, nachdem er sich im Vorfeld der russischen Präsidentschafswahlen im Jahr 2004 gegen Kreml-Chef Wladimir Putin gestellt hatte. Lange galt seine Karriere als Paradebeispiel für die unbegrenzten Möglichkeiten im Russland der post-sowjetischen Ära. Vom früheren kommunistischen Jugendführer brachte er es zum Bankier und Ölmagnaten.

Opposition finanziert
Doch als der Mann mit der sanften Stimme seine Macht politisch zu nutzen begann, oppositionellen Parteien finanziell unter die Arme griff und selbst mit dem Gang in die Politik liebäugelte, leitete er seinen eigenen Untergang ein. Chodorkowski brach eine eiserne Regel, die Putin bei seinem Amtsantritt im Jahr 2000 mit den Oligarchen vereinbart hatte: Ihr könnt eure Reichtümer behalten, wenn ihr euch aus der Politik heraushaltet. Wer dagegen verstieß, wurde ins Ausland gedrängt - oder festgenommen.
Gleichgültig, welche Schritte Chodorkowski seitdem unternimmt und wie vorbildlich er sich in der Haft verhält - der Staat ist immer einen Schritt weiter. Die gute Führung kann ihm die Gefängnisverwaltung nicht mehr absprechen - jetzt hält sie ihm erschwerend vor, dass er seine Schuld nicht eingestehen will.
Auf eine Begnadigung durch Putins Nachfolger Dmitri Medwedew braucht Chodorkowski nicht zu hoffen. Zudem hat er schon die nächsten Verfahren am Hals. Die jüngste Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf Unterschlagung von umgerechnet 18 Milliarden Euro und „Diebstahl von rund 350 Millionen Tonnen Erdöl“ - das entspricht der Fördermenge der Yukos-Tochterunternehmen. Eingereicht hatte die Staatsanwaltschaft die 145-seitige Anklageschrift am 26. Juni - an Chodorkowskis 45. Ge burtstag.