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Katyn – Polens Trauma und Tabuthema

Mit Blumen und Fähnchen wird der Opfer von Katyn gedacht.
Mit Blumen und Fähnchen wird der Opfer von Katyn gedacht. FOTO: dpa
Warschau. Über Katyn durfte in Polen jahrzehntelang nicht gesprochen werden. Das Massaker des sowjetischen Geheimdienstes NKWD an 22 000 polnischen Offizieren und Angehörigen der polnischen Elite hat sich bis heute in das gedächtnis vieler Polen eingebrannt. Eva Krafczyk

Wenn die Polen ihrer Toten gedenken, brennen immer auch vor dem Denkmal für die Toten von Katyn auf dem Warschauer Militärfriedhof Powazki Grablichter. Auch 75 Jahre nach der Ermordung von 22 000 polnischen Offizieren, Polizisten und Zivilisten in Katyn, Charkiw und anderen Orten bleibt die Erinnerung an den Massenmord lebendig. Am 13. April ist Internationaler Katyn-Gedenktag.

"Es gab kein zweites solches Verbrechen im 20. Jahrhundert", sagte der polnische Präsident Bronislaw Komorowski kürzlich über das Massaker. Für Komorowski ist es Aufgabe des demokratischen Polens, dafür zu sorgen, dass die "Wahrheit über Katyn" nie wieder vergessen wird.

Katyn, das ist auch die im Westen oft unbekannte Seite des Zweiten Weltkriegs in Polen, das nicht nur vom nationalsozialistischen Deutschland überfallen und besetzt wurde, sondern auch von sowjetischen Truppen, die am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierten. Die Aufteilung Polens war im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vereinbart worden. Tausende Polen gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Im Frühjahr 1940 gab es plötzlich keinen Kontakt mehr zu den Angehörigen. Die schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt, als deutsche Truppen im April 1943 im Waldgebiet von Katyn bei Smolensk auf Massengräber mit den Überresten der polnischen Offiziere stießen.

Für Nazi-Deutschland war die Entdeckung des Massakers eine willkommenen Gelegenheit, die Sowjetunion eines Kriegsverbrechens anzuklagen und einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben. Die Sowjetunion sprach von einer Propagandalüge: Die Deutschen selbst hätten die Polen während ihres Überfalls auf die Sowjetunion im Sommer 1941 ermordet.

Das blieb jahrzehntelang die offizielle Darstellung des Massakers - nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im kommunistischen Polen, wo Katyn ein Tabuthema war. Erst Michail Gorbatschow räumte 1990 die Schuld der Sowjetunion ein, sein Nachfolger Boris Jelzin übergab den polnischen Behörden unter anderem den von Stalin unterschriebenen Befehl zur Ermordung der Polen durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD.

"Das war ein Verbrechen gegen das ganze polnische Volk", sagt Lukasz Kaminski, Präsident des Polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN). Das IPN, das für die Aufarbeitung kommunistischer und nationalsozialistischer Verbrechen zuständig ist, ermittelte wegen Völkermords. Auch wenn die Morde von Katyn in Polen lange ein nationales Trauma waren - das Massaker dominiert inzwischen nicht mehr die Haltung zu Russland. Nach einer Untersuchung des Zentrums für polnisch-russischen Dialog und Verständigung sehen derzeit nur zwei Prozent der Polen ihre Meinung über Russland von Katyn geprägt, während 21 Prozent den Konflikt in der Ukraine nennen.