Die Situation wirkt einigermaßen bedrohlich. Dicke Rauchschwaden steigen am Sonnabend auf dem BER-Gelände aus einem Bus, der Passagiere über das Flughafen-Vorfeld transportiert. Der Bus ist dort mit einem Flugzeug heftig zusammengestoßen.

Das war die Ausgangslage der bisher größten Katastrophenübung im Land Brandenburg. Erstmals verantwortlich für das Übungsszenario ist dabei der Landkreis Dahme-Spreewald. Zuvor war juristisch klargestellt worden, dass der Kreis auch auf dem stark gesicherten Flughafen areal für Rettungsaktionen zuständig ist.

"Das war für uns problematisch", sagt der zuständige Dezernent in der Lübbener Kreisverwaltung Wolfgang Starke (SPD). Schließlich sei das Flughafengelände schwer zugänglich.

Inzwischen ist klar, dass der Kreis vor der Eröffnung des künftigen Hauptstadtflughafens für rund 1,4 Millionen Euro eine neue Rettungswache bauen muss.

Fast zwei Jahre hatten die Vorbereitungen für die jetzige Übung gedauert, die Gesamtkosten belaufen sich auf 80 000 Euro. An der Übung beteiligt waren insgesamt 1400 Personen in Brandenburg, Berlin und den angrenzenden Bundesländern.

Getestet werden sollten dabei in erster Linie die Organisation der Rettung sowie der Absprachen und Abläufe. Die größte Herausforderung war dabei vor allem die Anzahl der angenommenen Opfer. Die Übungsbezeichnung "MANV 500" bezeichnet den "Massenhaften Anfall von Verletzten" - in diesem Fall rund 500.

Das ist eine außergewöhnlich große Zahl von Geschädigten. Um derartige Katastrophen meistern zu können, reichen die Kapazitäten eines einzelnen Bundeslandes nicht.

Die Spezialisten der Schönefelder Flughafenfeuerwehr waren naturgemäß die ersten Retter am Unfallort. Nur wenige Minuten nach der angenommenen Kollision rollten ihre futuristischen Spezialfahrzeuge mit Sondersignal auf das Vorfeld. Derweil liefen die Drähte und Funkstrecken in der Notfalleinsatzzentrale im Flughafen Schönefeld heiß. Von dort aus wurden die Leitstellen in ganz Brandenburg und Berlin über den "Unfall" alarmiert.

Weil schnell klar war, welche Dimension das fiktive Unglück hatte, wurden auch Retter aus der Lausitz, der Prignitz und der Uckermark aktiviert. Die Retter dort wurden bei der Übung am Sonnabend allerdings nicht mit einem Notruf aus dem Mittagsschlaf gerissen. Um zu vermeiden, dass massenweise Rettungsfahrzeuge mit Sondersignal im Land unterwegs sind, standen die Helfer in ihren Bereitstellungsräumen in der Nähe des Flughafens schon bereit. Sie wurden aber erst nach realitätsnahen Zeitvorgaben in die Übungssituation einbezogen. Bei den Rettern aus der Lausitz beispielsweise gehen Experten von einer Anfahrtszeit von knapp einer Stunde nach Schönefeld aus. Auf die strikte Einhaltung der Zeiten achteten an die 50 Schiedsrichter. Unter ihnen waren auch 30 Studenten der Technischen Universität Chemnitz und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die die Übung gleichzeitig begleiteten und danach auch wissenschaftlich auswerten sollen.

Die Übungs-Organisatoren hatten trotzdem Wert gelegt auf eine realitätsnahe Komplexität. So saßen beispielsweise allein in der Lübbener Kreisverwaltung 40 Statisten, die als "besorgte Angehörige" die Notfallseelsorger in der Personen-Auskunftsstelle in Königs Wusterhausen mit verzweifelten Anrufen fluteten. Erstmals geübt wurde dabei die Weiterleitung der Anrufe in die Auskunftsstellen von fünf benachbarten Bundesländern. "Auf diese Weise konnten wir statt der zehn Telefonplätze in Königs Wusterhausen insgesamt 65 Plätze nutzen", erklärt Übungs-Organisator Wolfgang Starke.

Um die große Zahl der Schwerverletzten darzustellen, wurden sandsackbeschwerte Dummys verwendet, die mit ihren "Verletzungen" beschriftet waren. Dabei gab es am Sonnabend Probleme, weil die Beschriftungen im Dauerregen aufgeweicht waren.

Beobachter der Feuerwehr kritisierten am Rande des Einsatzes, dass es eineinhalb Stunden dauerte, bis die ersten Verletzten in die Krankenhäuser abtransportiert wurden. Nach den Regeln der Notfallmedizin sollten Schwerverletzte nach einem solchen Unfall möglichst innerhalb einer Stunde in einem Krankenhaus sein.