Bei den Milliardenausgaben für Arzneimittel in Deutschland droht kommendes Jahr ein massiver Kostenschub von 8,9 Prozent. Davor warnte AOK-Chef Uwe Deh bei der Präsentation des Arzneiverordnungs-Reports 2013 am Donnerstag in Berlin. 2012 gab es laut dem Report einen Anstieg um nur 2,6 Prozent auf 30,6 Milliarden. Laut Report hätten ohne Nachteile für Patienten 3,7 Milliarden Euro gespart werden können. In anderen europäischen Ländern seien die unter Patentschutz stehenden Mittel oft deutlich günstiger.

Als Grund für den erwarteten Kostenanstieg nannte Deh das von der Regierung vorgesehene Auslaufen eines erhöhten Zwangsrabatts auf Medikamente zum Jahresende. Der Rabatt und ein damit einhergehendes Preismoratorium müssten um zwei Jahre verlängert werden, forderte er.

Barmer: Weiter Moratorium

Die Landesgeschäftsführerin der Barmer GEK Berlin/Brandenburg, Claudia Korf, geht sogar noch einen Schritt weiter. "Die Ende 2013 auslaufende Kostenbremse muss um fünf Jahre verlängert werden", betont sie gegenüber der RUNDSCHAU. Aus ihrer Sicht lasse sich nur durch die Verlängerung des erhöhten Herstellerrabatts und des Preismoratoriums verhindern, "dass die Arzneimittelausgaben 2014 gleich wieder unter die Decke schießen".

Die Pharmaindustrie reagierte prompt mit Ablehnung. Die Geschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen, Birgit Fischer, sagte: "Nach Jahren des Rückganges wird es 2014 einen Ausgabenanstieg geben, aber keinen dramatischen."

Laut dem neuen Report hätten zuletzt alleine 2,5 Milliarden Euro gespart werden können, wenn man auf teure sogenannte Analog-Präparate verzichtet hätte, die nur leicht anders wirken als frühere Mittel. Der Report-Herausgeber Dieter Paffrath sagte, fast 700 Millionen Euro mehr Umsatz habe die Industrie zuletzt durch größere Packungen und neue Mittel ohne sicheren Mehrwert gemacht.

Für die Sprecherin der AOK Sachsen, Hannelore Strobel, ist es nicht überraschend, dass Medikamente in Deutschland teurer sind als in anderen Ländern. "In Frankreich etwa ist man schon vor Jahren gegen die Mondpreise der Pharmafirmen vorgegangen, die sich ihre Innovationen teuer bezahlen lassen wollten", erläutert sie. Wie die Barmer weist auch sie zudem darauf hin, dass das Arzneimittelneuordnungsgesetz - es soll ähnliche Effekte erzielen -, noch nicht greife. Und viele Rabattverträge, die die Kassen mit großen Pharmafirmen abgeschlossen hätten, seien ausgelaufen.

Für den Sprecher des Verbandes der Ersatzkassen (VdEK) in Sachsen, Dirk Bunzel, spielt die in Frankreich nur 2,1 Prozent betragende Mehrwertsteuer auf Arzneimittel schon eine Rolle bei den Gesamtkosten. Er könne sich durchaus vorstellen, dass hier eine europäische Regelung angestrebt werden sollte. "Es ist nicht nachvollziehbar, dass in Deutschland für Arzneimittel 19 Prozent Mehrwertsteuer erhoben werden und für Hotelübernachtungen, Schnittblumen oder Katzenfutter nur sieben Prozent", sagt Bunzel.

Wie die Kassen konstatiert auch der Report, dass die schwarz-gelbe Reform des Medikamentensektors AMNOG nicht schnell genug greife. Immer mehr neue Mittel werden offiziell daraufhin überprüft, ob sie wirklich mehr helfen als ältere. So habe das dafür zuständige zentrale Gremium, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken, bisher 48 neue Wirkstoffe bewertet. Auf Basis der Bewertungen folgen in der Regel Verhandlungen zwischen Hersteller und Krankenkassen über den Preis - das Ziel sind Einsparungen.

Nur geringe Einspareffekte

"Sie sind aber insgesamt nicht hoch", unterstrich Herausgeber Ulrich Schwabe. 120 Millionen Euro seien Kassen und Beitragszahlern so erspart geblieben. Binnen fünf Jahren werde die Sparsumme so auf bis zu einer Milliarde Euro steigen, sagte G-BA-Chef Josef Hecken.

Medikamente, die schon länger auf dem Markt seien, aber noch Patentschutz hätten, seien in Deutschland weiterhin oft teurer als nötig, so die Report-Herausgeber. Auch diese oft millionenfach verordneten Pillen kommen nun allerdings verstärkt auf den Prüfstand des G-BA.

Den Anfang machten im Frühjahr sechs Gruppen von Medikamenten gegen Schmerzen, Herzleiden, Diabetes und andere Krankheiten mit einem Umsatzvolumen von rund 700 Millionen Euro.

Hecken kündigte an, dass der G-BA weitere oft bereits umsatzträchtige Mittel ab November prüfen werde. Dabei handele es sich um fünf Arzneimittelgruppen mit einem Umsatzvolumen von rund 700 Millionen Euro. Welche Mittel dies seien, könne noch nicht gesagt werden, so eine G-BA-Sprecherin.