Kassel auf Parkplätzen oder am Straßenrand ausgesetzt werden. Die nordhessische Großstadt ist eine Drehscheibe für das illegale Einschleusen von Flüchtlingen nach Deutschland. Die Täter entkommen meist unerkannt, die häufig von der Polizei aufgegriffenen Flüchtlinge beantragen Asyl.
Einblick in das Treiben von Schleuserorganisationen und in das Schicksal der Flüchtlinge, die sich ihnen anvertrauen, könnte ab heute ein Prozess vor dem Kasseler Landgericht bieten: Der mutmaßliche Kopf einer tschechischen Schleuserorganisation soll binnen eines Jahres 299 Afghanen und Chinesen eingeschleust haben. Dafür hat der 33 Jahre alte Tscheche laut Anklage mehr als 220 000 US-Dollar kassiert.

Hohe Kopfprämien
In Kassel wird nach Einschätzung von Stefan Tzeloth vom Frankfurter Bundesgrenzschutz Schleuserkriminalität sichtbar. Bis zur Zerschlagung eines Schleuserrings im Dezember 2001 wurden in der Region innerhalb von zwei Jahren 780 eingeschleuste Flüchtlinge, vor allem aus Afghanistan, aufgegriffen. Seitdem reißt der Strom an Flüchtlingen auch aus Indien, Sri Lanka und China nicht ab. "Wir müssen davon ausgehen, dass wir nicht alle Schleusungen feststellen", sagt Tzeloth.
Meist sind es Autofahrer oder Anlieger, die die Polizei rufen, wenn ihnen die orientierungslos herumirrenden Ausländer auffallen.
Hinter dem Flüchtlingsschmuggel vermutet Tzeloth professionelle kriminelle Organisationen im Ausland. "Diejenigen, die die Strippen ziehen, sind Personen, die das hauptberuflich machen." Der Schmuggel erfordere eine große Logistik. Allenfalls unter den Fahrern gebe es Handlanger, die nur gelegentlich einsprängen. "Haupttransitland ist derzeit Tschechien." Über ihren genauen Fluchtweg schwiegen die aufgegriffenen Ausländer aber meist. Je nach Herkunftsland müssten sie für ihre Reise 10 000 bis 20 000 Euro oder US-Dollar aufbringen. "Die Chinesen zahlen am meisten."
Bundesweit geht der Umfang aufgedeckter Schleuserkriminalität zurück: 2001 wurden noch 2422 Schleuser gefasst, im vergangenen Jahr waren es nach Angaben des Bundesinnenministeriums noch 1801. Die Zahl aufgegriffener eingeschleuster Flüchtlinge ging im Vergleichszeitraum von 8708 auf 5326 zurück. Grund für den Rückgang sei die stärkere Zusammenarbeit mit Polen und Tschechien sowie eine restriktivere Visa-Politik der beiden Länder, sagt eine Ministeriumssprecherin. Die Dunkelziffer sei aber hoch. Die meisten Aufgegriffenen gebe es an den Ostgrenzen. Die Flüchtlinge kämen per Lastwagen, mit kriminellen Reiseunternehmen, aber auch zu Fuß über die grüne Grenze.

Schweigen über Fluchtweg
"Je mehr die Grenzkontrollen und rechtlichen Abwehrmechanismen zunehmen, desto mehr müssen sich die Leute Fluchthelfern bedienen", sagt der rechtspolitische Referent von Pro Asyl, Bernd Mesovic, in Frankfurt am Main. Vor allem die 1993 getroffene Drittstaatenregelung, die ein Abschieben eines Asylbewerbers in ein zuvor passiertes sicheres Land ermöglicht, habe die Schleuserkriminalität gefördert. Die Leute schwiegen über ihren Fluchtweg, um nicht gleich zurückgeschickt zu werden. Deshalb würden oft auch ihre Angaben zu den Gründen der Flucht für unglaubwürdig gehalten.
"Mit der Zunahme globaler Migration hat sich das Bild der Fluchthilfe geändert", sagt Mesovic. In Medienberichten über den Kampf des Bundesgrenzschutzes gegen den illegalen Zustrom von Ausländern werde an Bedrohungsgefühle appelliert. Das Schicksal der Flüchtlinge spiele aber kaum eine Rolle.