Das Bundesverfassungsgericht bleibt Schrittmacher bei der Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Künftig können Lebenspartner auch Kinder adoptieren, die ihr Partner oder ihre Partnerin zuvor selbst adoptiert hatte.

Die Entscheidung vom Dienstag betrifft zwar nur einen Teil des Adoptionsrechts - aber die Botschaft ist klar: Jede Schlechterstellung homosexueller Lebenspartnerschaften gegenüber der Ehe bedarf der Rechtfertigung - und hier gelten strenge Anforderungen, weil die sexuelle Identität betroffen ist.

Stück für Stück haben die Karlsruher nach diesem Grundsatz die Unterschiede zwischen Lebenspartnerschaften und Ehen eingeebnet: Bei der Erbschaftssteuer, beim Grunderwerb, bei Betriebsrenten und beim Familienzuschlag für Beamte. Mit einer Entscheidung zum Ehegattensplitting wird noch in diesem Jahr gerechnet.

Vielleicht zeigt der Blick nach Frankreich einen Unterschied in der politischen Kultur: Dort demonstrierten Hunderttausende für und gegen die Homo-Ehe - bevor in der vergangenen Woche die Nationalversammlung nach nächtelangen Debatten eine große Lösung beschloss: "Mariage pour tous", die Ehe für alle.

In der mündlichen Verhandlung in Karlsruhe hingegen räumte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, in seltener Offenheit ein, man habe bei der Gesetzesfassung darauf gehofft, "dass die Gerichte regeln, was wir politisch nicht hinbekommen".

Auch wenn es gern in Vergessenheit gerät: Das nun gekippte Gesetz stammt noch aus Zeiten der rot-grünen Koalition. Und der zur Entgegennahme des Urteils nach Karlsruhe entsandte FDP-Justizstaatssekretär wand sich sichtlich, als er nach der Verkündung gefragt wurde, ob man nun nicht wenigstens die Frage des Ehegattensplittings für Lebenspartner politisch regeln wolle. "Es ist demnächst auch mit einem Urteil zum Ehegattensplitting zu rechnen", sagte Max Stadler, "und dieses Urteil wird jetzt abgewartet." Was bleibt ihm auch anderes übrig, hat doch der große Koalitionspartner -CDU - erst im Dezember beschlossen, in diesem Punkt jedenfalls freiwillig nichts zu ändern.

Teile der Politik, so scheint es, lassen sich lieber vom Gericht zur Gleichstellung zwingen, als selbst tätig zu werden. Hier zeigt sich der "Schiedsrichterstaat", den der Justizjournalist Christian Rath in seinem Buch über das Bundesverfassungsgericht beschreibt - Ausdruck der Sehnsucht nach einer Instanz, die scheinbar außerhalb des politischen Betriebs steht und, losgelöst vom Parteienstreit, mit eigener Autorität Urteile spricht.

Immerhin: Bei der Neuregelung des Adoptionsrechts will sich das Justizministerium für eine "große Lösung" einsetzen, und auch die gemeinschaftliche Adoption durch beide Lebenspartner - die nicht Gegenstand des Urteils vom Dienstag war - erlauben.

Die Richter, politisch klug, fahren in ihrer Entscheidung zweigleisig: Zur gesetzlichen Neuregelung setzen sie eine Frist bis zum 30. Juni 2014, also weit nach der Bundestagswahl. Die konkrete Verbesserung beim Adoptionsrecht, so ordnen sie vorsichtshalber an, gilt aber ab sofort.